ParisBrestParis 2015

Männer am Rande eines Gehörschadens oder besten Dank ans rechte Knie.

Paris-Brest-Paris 2015. Eine Reise hin zum Atlantik – und weil man sowieso schon auf dem Rad sitzt, gleich wieder zurück

 

Direkt unter der Kniescheibe sticht es bei jedem Tritt, ich nehme den Druck raus, fahre viel langsamer, verlagere die Kraft aufs linke Bein. Es nützt alles nichts, der Schmerz bei jeder Pedalumdrehung im rechten Knie will nicht weichen. Ich verabschiede mich von Stefan, der die für mich scheinbar nicht mehr zu überwindenden Hügel bis zum Ziel nun allein bewältigen muss. Zu meiner großen Erleichterung sind es nur wenige, zudem sehr flache Kilometer bis zum nächsten Bahnhof, den ich im Schleichtempo erreiche. Im Zug nach Hause beschäftigen mich sehr trübe Gedanken. War es das? Verlangt der Körper seinen Tribut für eine bislang fast berauschende Radsaison, die mir extrem schnelle Brevets mit einem 600er in Rekordzeit und einen glänzenden 13. Platz beim anspruchsvollen 24-Stunden-Rennen in Kelheim beschert hat?
Es ist Sonntag, der 2. August, noch zwei Wochen bis zum Start von Paris-Brest-Paris. Die 1230 Kilometer von Frankreichs Hauptstadt an den weit entfernten Atlantik und zurück bilden immer wieder einen magischen Fixpunkt in meinem Leben, den es nur alle vier Jahre gibt. In welcher Sportart kann sich ein alter Sack Mitte 50 mit Bauchansatz mit den besten durchtrainierten Athleten aus aller Welt messen? Bei Paris-Brest scheint das irgendwie zu gehen und deshalb
sind das für mich jedes Mal die olympischen Spiele, denen ich seit dem letzten Mal 2011 entgegenfiebere.

Träume und Vorfreude erhalten einen gewaltigen Dämpfer, selbst als ich eine Woche später eine 50 Kilometer-Testrunde schmerzfrei beenden kann. Sehr flach, sehr langsam, kleine Gänge, null Risiko, dann scheint es gerade zu funktionieren. Das wiederholt sich einige Tage vor dem Start bei ebenfalls brettflachen 70 km. Mir ist klar, dass man die 1230 km bei PBP nicht anständig fahren kann, wenn das Knie nicht mitmacht.

Dort bewege ich mich normalerweise in schnellen bis sehr schnellen Gruppen und drücke, solange auf dem Hinweg die Kraft noch ausreichend vorhanden ist, so manchen Gegenanstieg mit einem viel zu fetten Gang einfach weg. Die erste Nacht mit Höllentempo Löcher zufahren, einen unglaublichen Schnitt vorlegen, mit den vielen Irren, von denen sich viele gewaltig übernehmen, einfach mitfahren, die eigenen Kraftreserven gnadenlos ausplündern, genau das ist der Reiz bei diesem Rennen, auch wenn ich mir im Laufe der Jahre eine eher ökonomische Fahrweise angewöhnt habe und weiß, das der Raubbau am eigenen Körper nicht über die volle Distanz durchzuhalten ist. Langsam kommt von selbst und irgendwann wechselt man in den Rando- Style, fährt ruhiger, bestaunt Land und Leute und fährt zum Crepe essen mal eben rechts ran.

So trete ich meinen vierten Trip nach Frankreich diesmal mit sehr gemischten Gefühlen an. Reisegefährte Stefan hat für uns verschiedene Marschtabellen ausgeklügelt, alle unter 60 Stunden. Da die Wetteraussichten glänzend und mein Rad generalüberholt sind, würde mir das normalerweise wenig Kopfzerbrechen bereiten. Das habe ich 2007 und 2011 auch geschafft und die Form bis zum Frühsommer war so gut wie selten.
Insgeheim habe ich aber innerlich einen Notfallplan entworfen, betont schonend fahren, nur die ganz kleinen Gänge, wenn es nicht anders geht, eben die Berge im Wiegetritt hoch, um so in knapp unter 80 Stunden wieder in Paris zu sein. Die gewaltige Distanz, – eintausendzweihundertunddreissig Kilometer auf dem Fahrrad und das quasi nonstop- muss man einfach mal so als gigantische Zahl auf sich wirken lassen. Die Mammutstrecke verlangt deshalb zuerst einmal tiefen Respekt, dann eine Portion Demut und letztendlich schlichte Bescheidenheit. Es sind jedes Mal zu viele Radfahrer, die sich ihren Traum von Paris-Brest wegen unendlicher Probleme, die auf der Strecke auftauchen, nicht erfüllen können. Hauptsache ankommen, das ist die oberste Priorität und das traue ich mir auch bei widrigen Umständen zu. „Did Not Finish“ oder gar auf den Start zu verzichten, sind definitiv keine Optionen.

Eines der wirklichen begeisternden Dinge an PBP ist aber immer wieder, dass man die eigenen Zipperlein und Befindlichkeiten einfach vergisst, sobald man in die dichte Atmosphäre eingetaucht ist, die diese sagenumwobene Rennen seit jeher umgibt. Als wir am späten Donnerstag Abend im Hotel einchecken, finden wir dort neben Italienern, Belgiern und Schweden eine große koreanische Delegation und zahlreiche Inder vor. Für die Asiaten ist es bis Paris eine echte Weltreise, während wir uns nachmittags nach der Arbeit mal eben ins Auto gesetzt haben. Einfach grandios, so was zu in einem 08/15-Hotel an einer Ausfallstraße im unscheinbaren Gewerbegebiet zu sehen. Nach einem skurrilen Touristen-Freitag, den wir auf dem Friedhof von Montparnasse, wo wirklich sehr, sehr berühmte Tote liegen, in einem kultigen Radladen und in einem Museum mit kongolesischer Malerei verbringen, lassen wir den Tag mit einem Abendessen mit einer größeren Gruppe der Seattle Randonneurs ausklingen. Mark Thomas und Bob Brudvik sehen uns am Restaurant vorbeigehen und bitten uns spontan an ihren Tisch. Sehr nett, wie auch der folgende Samstag, man trifft so viele Leute, dass einem fast der Kopf schwirrt. In der Schlange vor dem Radcheck neben uns ein Mexikaner und ein Inder, mit denen wir lange reden, dann zeigt uns ein Japaner voller Stolz die insgesamt neun (!) Lampen seiner Vorderbeleuchtung. Vor lauter Staunen vergessen wir glatt seine wohl ähnlich kolossale Rücklichtkollektion zu begutachten.

In der Velodrom-Halle selbst findet man ebenfalls so viele Bekannte, überall „Hallos“, „Lange nicht gesehen“, „welche Startgruppe“, „wie ist die Form“ herrliches Fachsimpeln, tolle Gespräche mit alten und neuen Bekannten in dieser wahrhaftigen Multi- Kulti-Gesellschaft. Genau diese Internationale der Radbekloppten ist es, was ich an PBP schon immer so unglaublich geliebt habe, mal ganz ehrlich, der Smalltalk in verschiedenen Sprachen ist auch nicht so anstrengend wie das eigentliche 1200 km Radfahren.
Nach dem Fototermin der deutschen Teilnehmer treffen wir in der Pizzeria noch Bekannte aus dem Ruhrgebiet von der Sprinter Waltrop- Fraktion, einige PBP – Neulinge, die wir aufmuntern, denn sooo schlimm ist die Tour ja auch nicht.

Nach erneut ausgiebigem Schlaf, quasi auf Vorrat, – das geht!- bricht endlich der Sonntag an. Nach dem Frühstück fahren wir unser Auto in die Tiefgarage, bringen Wechselklamotten zum Bagdrop in der Halle, damit wir nach unserer Rückkehr sofort duschen und frische Sachen anziehen können. Bei der vierten Teilnahme weiß man halt, was man nach schweißtreibenden 1200 km herbeisehnt, nach dem Zielbier natürlich. Dann wieder in die Halle, wo man inzwischen ein gigantisches Buffet errichtet hat, die Tische biegen sich unter der Last der leckeren Speisen, Couscous mit Hühnchen, Salate, Früchte und Süßspeisen in schier unendlichen Mengen. Da die Nahrung Energie für die ersten 300km bereitstellen muss, langen wir ordentlich zu. Noch ist es hier angenehm entspannt, keine Schlangen, nur halbvolle Tische, die frühe Startzeit macht sich hier erstmals bezahlt. Die Organisatoren von PBP sind feine und vor allem kluge Leute, alle vier Jahre wird der Ablauf optimiert. Nur noch treten muss man selbst, aber vielleicht fällt dem Audax Club Parisien demnächst auch noch etwas dazu ein. Der besondere Clou 2015 war meiner Meinung nach das Anmeldezeremoniell, bei dem man seine Startgruppe und Startzeit buchen konnte. Wo man früher im Regen oder wie 2011 stundenlang in sengender Sonne anstehen musste, um in eine der frühen Gruppen zu gelangen, reichte diesmal ein Kreuzchen bei der Internet-Registrierung. Für uns kam nur die Gruppe A in Frage, man hat einfach mehr Tageslicht. Und die Wartezeit bis zum Start ist die Allerkürzeste, anschließend geht es mit flotten Mitstreitern zügig aus Paris heraus. Zur Not kommt noch was von hinten nach und die Kontrollen sind angenehm leer. Nachdem wir uns im Parkhaus umgezogen haben, uns noch ein kleines Nickerchen am Straßenrand gegönnt haben, geht es zwanzig Minuten vor vier entspannt vors Velodrom. In Gruppe A auch etwa 30- 40 Deutsche, die allermeisten kennen wir. Ich empfand die Atmosphäre vor dem Start noch nie so leicht und locker. Vielleicht lag es auch meiner „Ist alles egal, dann mache ich eben den Radwanderer und ich werde auf jeden Fall durchkommen“ -Einstellung.
Wie ein nach Bestzeit strebender Rennfahrer fühlte ich mich jedenfalls nicht.
Sicherheit gibt mir auch die Tatsache, dass ich wegen der exzellenten Wetterprognose, keine kühlen Nächte und keine heißen Tage, nur minimalstes Gepäck mitschleppen muss. Knielinge, Armlinge, eine dünne Regenjacke als Windschutz für die Nacht, Zahnbürste, Gesäßcreme, ein paar Riegel und Gels passen in die Trikottaschen. Dazu zwei Schläuche und als Luxusartikel eine Ersatzhose in der Satteltasche. Das sollte reichen. Ich habe ohnehin nie etwas für diese Lastesel -Randonneurs- Romantik mit Rucksäcken oder Lenker- Pack- und Satteltaschen übrig gehabt, in denen Französisch -Wörterbücher, ganze Fresspakete und mehrere Sätze Ersatzklamotten verstaut sind. Man muss das ganze Zeug doch jeden verdammten Anstieg hinauf schleppen. Interessant im Nachhinein, dass fast alle der aus dem Zeitlimit gefallenen Fahrer , die uns auf dem Rückweg zwischen Loudeac und Tinteniac entgegen rollten, überproportional viel Gepäck mit sich hatten. Es gibt zwar noch keine Statistik über das Verhältnis von Gesamtradgewicht zur Abbrecher-Quote, aber ich bin mir absolut sicher, dass es da einen Zusammenhang gibt.

Nach dem Start lassen wir es ohne Hektik angehen, wir reihen uns im Mittelfeld ein, können die Spitze zwar sehen, machen aber keine Anstalten uns weiter nach vorne zu begeben. Bevor man das freie Bauernland erreicht, erfordern die ersten 15 km durch die Vorstädte mit ihren engen Ortsdurchfahrten volle Aufmerksamkeit, besonders wenn Flaschenhalter, Luftpumpen oder andere Anbauten vom Rad fliegen, beinahe hätte es ein paar Meter vor uns schon nach wenigen Kilometern gescheppert. Auf freier Strecke geht es dann schnell, aber entspannt weiter. Ein sanfter, kaum merkbarer Seitenwind macht es uns leicht. Vor vier Jahren hieß es immer wieder eine fiese Windkante zu vermeiden und die Fahrt in der Spitzengruppe war Stress pur. Bergab ziehe ich nun einfach links vorbei, bevor ich ganz vorne lande, bremse ich allerdings ab, um mich dann bergauf nach hinten durchreichen zu lassen. Ich bevorzuge sehr kleine Gänge, um das Knie zu schonen.
Auffällig ist diesmal auch die bei gleichmäßig hoher Geschwindigkeit extrem disziplinierte Fahrweise des gesamten Feldes. Es handelt sich in der A-Gruppe um Fahrer mit sehr viel Erfahrung, die kein Risiko eingehen wollen. Die Statistik wird hinterher sogar belegen, dass diese Gruppe prozentual die wenigsten Abbrüche zu verzeichnen hat. Fast alle von ihnen haben im vergangenen Jahr mindestens einen 1000er absolviert und wissen, das man auf den ersten 100 km keinen Blumentopf gewinnen kann.
Der Schonmodus kommt mir sehr entgegen. Ich fühle mich hier bestens aufgehoben und genieße das große Privileg, hier mitfahren zu dürfen. Man geht vielen Dingen, die PBP schwierig machen können, schon gleich zu Beginn aus dem Weg.

Stefan hat allerdings ein kleines technisches Problem, die Schrauben des Flaschenhalters haben sich gelöst und niemand will, dass das Ding in voller Fahrt herunter kracht. Also schraubt er mit den Fingern dran rum, was aber immer nur für kurze Zeit von Erfolg gekrönt ist. An das passende Tool heranzukommen, daran ist in voller Fahrt nicht zu denken. Anhalten ist ebenfalls keine Option. An meiner Sattelstütze befindet sich allerdings ein Streifen Klebeband, mit dem wir beim Transport im Auto die Einstellung markiert hatten. Ich komme aber nicht so recht dazu den Klebestreifen abzuziehen, also lassen wir uns ans Ende des Feldes zurückfallen, Stefan fährt seitlich hinter mir, friemelt am Klebeband herum, das ich dann irgendwann ablöse und ihm rüber reiche, damit er die lockeren Schrauben überkleben kann. Das alles bei Tempo 35- 40. Operation gelungen, noch bevor wir uns dem ersten neuralgischen Punkt dieser Tour nähern. Auf der Einfahrt nach Longwy au Perche bei km 120 km sehe ich erstmals zu, dass ich ganz nach vorne komme, denn sobald man im Ort abbiegt, wird PBP plötzlich ernst. Am ersten der nun zahlreich folgenden Hügel merke ich allerdings, das meine Kletterqualitäten limitiert sind. Ich will das Knie schonen, aber ganz ehrlich kann ich das höllische Tempo bergauf ohnehin nicht mitgehen. Das geht anderen genauso und das Feld zieht sich sofort gewaltig auseinander, bergab geht es dann wieder etwas zusammen, aber am zweiten längeren Hügel tauchen dann die ersten Fahrer der B-Startgruppe auf, Tom Rey aus Köln grüßt netterweise, als er uns am Anstieg stehen lässt. Ein weiterer Grund für den Start in der A-Gruppe, denn in B oder C waren die ersten 100 km wohl eher ein knallhartes Ausscheidungsfahren und weniger harmonisch als bei uns. Immerhin bis Mortagne (km 140) hat uns die große Gruppe nahezu tiefenentspannt Richtung Westen transportiert, bei 1230 km ein Wert an sich.
In Mortagne wollten wir nur ganz kurz anhalten, Stefan schraubt, ich hole Wasser bzw. drücke dem Wirt der erstbesten Bar einfach unsere Flaschen in die Hand, die er prompt befüllt. Die Leute sind ja bei PBP über alle Maßen hilfsbereit und die Einheimischen, die mit ihren Bierchen vor der Bar stehen, verabschieden uns nach ca. 90 Sekunden Boxenstopp mit Applaus. An der Verpflegungskontrolle in Mortagne fahren wir durch und stürzen uns sogleich in die Abfahrt, bis uns Carsten Block und seine bärenstarken Hamburger Jungs, die etwas länger pausiert hatten, wieder einsammeln. Nun geht es etwa 20-30 km richtig brillant weiter, denn wir bilden eine prächtig harmonierende Gruppe. Bergauf stetig, aber nicht übertrieben, flach oder runter durchaus flott, sind wir unterwegs. Schade, dass dieses kraftsparende Idyll nicht lange Bestand hat, denn von hinten drängen stets neue Fahrer nach, setzten sich an die Spitze, forcieren für kurze Zeit, überdrehen gar teilweise, um dann sogar wieder hinten rauszufallen. So entsteht kein Flow, den ich bei längeren Distanzen immer als Idealzustand anstrebe.
Ich hasse so was, besonders ein Russe geht mir auf die Nerven, dessen Mischung aus Affentempo und langsamen Zick- Zack-fahren uns nicht behagt. Als er vor mir nur noch kreuz und quer rumeiert, muss ich ihn sogar kurz anbrüllen. Die anfangs von mir so gelobte Aufteilung in Startgruppen nach Buchstaben erweist sich nun als Nachteil. Wo früher ab km 120 alle im Gruppeninteresse mehr oder weniger gut zusammenzuarbeiten gewillt waren, glaubt nun jeder B- oder C- Möchtegern-Rennfahrer es uns A-Fahrern beweisen zu müssen, wieso ausgerechnet er uns bisher 15 oder 30 Minuten abgenommen hat. Da die richtig guten Fahrer dieser Kategorie uns sowieso längst passiert haben, sorgen die weniger Begabten nur für unnötige Hektik. Leider sollte das noch sehr lange so gehen und uns sogar ein wenig die Hinfahrt nach Brest versauen. Auf dem Rückweg regelt es sich dann von selbst, doch dazu später mehr. Ab Fresnay (192 km) beruhigt sich die Lage wieder etwas, die Gruppe ist nun auf etwa 40 Fahrer angestiegen, wir rollen zügig mit bis zur ersten richtigen Kontrolle.

Es gibt kaum eine französische Kleinstadt, die mich so entzückt, wie das malerische Villaines-la-Juhel (km 220). Jedenfalls auf dem Rückweg, wenn man unter dem gigantischen Zielbogen vor der Kontrolle die 1000 km – Marke passiert. Jetzt aber noch auf dem Hinweg ist es mir hier die Stimmung zu nervös, es wimmelt von Schnellfahren, die auf der Suche nach ihrer Crew herum brüllen. Kein schöner Anblick. Außerdem sind die Wege von der Kontrolle zum Restaurant, zum WC oder zurück zum Fahrradständer exorbitant lang. Ich habe mich früher hier einmal beinahe verirrt.
Als ich auf meine Brevet- Karte schaue, wird mir sofort ganz anders. Wir haben
Villaines in der atemberaubenden Zeit von 6:52 Stunden für 220 km erreicht, 32 er Schnitt, obwohl wir ständig überholt wurden, fast eine ganze Stunde schneller als bei unserer Rekordfahrt 2011. Was ist hier los ? Wo soll das alles enden, schießt es mir durch den Kopf.

Das alles mit mit dem minimalistischen Einsatz von vier Flaschen Wasser, zwei Gels und zwei Riegeln , was mich als als bekennenden Vielfraß verwirrt, das üppige Buffet vor dem Start erwies sich tatsächlich als perfekter Energielieferant.

Statt dem üblichen Restaurantbesuch in Villaines also nur ein kleiner Snack im Kontrollraum, unser hohes Tempo hatte nun den Vorteil, dass das dort erworbene Pain de Raisin, da wohl erst kurz zuvor dem Backofen entnommen, den Gourmet in mir durch eine knusprige Frische und bissfeste Konsistenz zu überzeugen wusste. Überhaupt- die französische Küche, egal ob Kantine, Bäckerei oder volkstümlicher Crepé- Stand. All die Fahrer vor uns, die sich nur mit Fresubin, Krankenhausnahrung, Gels und Nahrungsergänzungsmitteln oder was auch immer aufpäppeln, wissen nicht, was sie verpassen.
OK, sie sparen wertvolle Minuten in den Kontrollstationen, kulturell und kulinarisch gehen sie jedoch ziemlich leer aus. Zum Beispiel in Fougeres (km 310).
Ach ja, bis dorthin warten hinter Villaines erst mal einige hässliche Anstiege, die wir betont langsam angehen, zu hohes Tempo, da sind Stefan und ich uns einig, könnte uns hier schon killen. Dank unserer Streckenkenntnis springen wir aber am letzten Anstieg, kurz vor der Abfahrt nach Ambrieres und dem folgenden leichteren welligen Stück nach Fougeres an einen Trupp Spanier ran.
Angeführt von einem, obwohl nur etwa 1,60 m groß, beeindruckendem Capitan, der mit unglaublich hoher Trittfrequenz von 110 bis120 Umdrehungen pro Minute das Tempo hoch, aber gleichmäßig hält. Wie eine Nähmaschine fräst er sich durch die Nacht, Tiki- Taka auf dem Rad. Dabei hat er noch genügend Muße mit den anderen Spaniern zu scherzen. Ich verstehe genug um mitzubekommen, wie er immer wieder liebevoll angefeuert wird von seinen Landsleuten nach dem Motto, „Cabron, wie stark fährst Du denn?“. Locker führt er uns in die auch nach vielen Jahren immer wieder obskure Abfahrt nach Fougeres hinein. Muchas gracias! 10:27 h für 310 km, mein lieber Schwan, wieso habe ich mich eigentlich so um mein Knie gesorgt, wir sind unterwegs, als wären Teufel hinter uns her. So kann es nicht weitergehen, eine Pause tut Not, ich verspüre endlich Hunger. Ganz stumpf – und das ist keine kulinarische Kategorie – formuliert: In Fougeres isst es sich besser als in Villaines, man muss in der Kontrolle nicht umherlaufen, sondern fährt nach dem Stempeln einfach mit dem Rad wieder runter zum Restaurant. Dort bekochen uns fleißige Helfer wie Gott in Frankreich. Der Feinschmecker in mir notiert: Die Hühnchen, delikat angerichtet und anmutig in voller Saucenpracht glänzend, ein Salat knackig, als wäre er frisch gepflückt, der Reis Appetit erregend im Riesentopf drapiert. Stefan hatte hier in Fougeres sozusagen das Privileg der ersten Kelle und durfte das Buffet, zwar nicht feierlich, aber immerhin eröffnen. In der halben Stunde , die wir dort schlemmend verbringen, sehen wir außer uns, nur drei weitere Fahrer in dem Riesenrestaurant. Später soll es hier voller gewesen sein. Die überaus zuvorkommenden freiwilligen Helfer bringen uns sogar Wasser und Servietten an den Tisch, so viel Stil muss sein. In der Zwischenzeit kommen wohl mehr als hundert Fahrer an und fahren nach dem Stempeln sofort wieder raus. Nur Flüssignahrung, Pulver und ähnliches, wer es eilig hat, muss auf die liebevoll zubereiteten Leckereien verzichten – und das in Frankreich. Auch wenn ich mich auch nicht für einen Pausenkönig halte, die Zeit zum Essen nehme ich mir, egal wer in der Zwischenzeit alles vorbei saust.

In Tinteniac (km 368), dass wir abgesehen von einer abgesprungenen Kette nach einer recht kurzen und unspektakulären Nachtfahrt erreichen, haben sie diesmal sogar Butter auf die Baguettes geschmiert bevor sie eine Scheibe Kochschinken draufpappen, Chapeau!
Kurz hinter Tinteniac läuft mir schon wieder das Wasser im Munde zusammen die Vorfreude ist groß, denn in etwa drei Stunden wird in Loudeac (450 km) das legendäre Kartoffelpürree aufgetischt. Falls der Speiseplan nicht kurzfristig geändert wurde. Auf dem Weg dorthin begrüßt uns der anbrechende Tag mit einem faszinierenden Lichtspiel.

FOTO VON TILO EINBAUEN

Traumhafter Tagesauftakt irgendwo hinter Tinteniac bei km 400

(BU) Nach 400 Kilometern ist es fast wie im Urlaub – Im Frühtau durch die Bretagne

Wellen hauchzarten Bodennebels, die immer wieder an kleinen Bachläufen aufsteigen, sorgen für eine zauberhafte Atmosphäre. Wir betrachten die Landschaft wie durch einen Kamerafilter. Vierzig bis fünfzig Kilometer soll uns dieses erhabene Schauspiel bei sehr gemäßigtem Tempo begleiten. Paris-Brest-Paris fährt sich, so schwärme ich, wenn die erste Nacht absolviert ist und der Kilometerstand die 400 überschreitet, fast wie von selbst. Zumal uns ein wolkenloser Himmel einen weiteren Tag im Radparadies verheißt. Mit ein paar Schweden sind wir anständig unterwegs, unterwegs sammeln wir auch meinen amerikanischen Freund Bryce ein, mit dem ich in Arizona beim 400er und 6ooer unterwegs war. Doch was etwa zwei Stunden so traumhaft lief, verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in unschöne Hetzerei. Von hinten fahren uns zwei bis drei schnelle Gruppen auf, jede forciert das Tempo. Als beim vierten Mal ein Trupp Engländer vorbei prescht, wird es extrem ungemütlich. Alle versuchen dranzubleiben, es ist nun wie ein Rennen, das Tempo zieht rasant an, ebenso steigt der Puls. Tief in meinem Innersten wünsche ich mir, dass mein rechtes Knie nicht zu arg belastet wird, obwohl es sich inzwischen wohl ans Treten gewöhnt haben wird. Aber mit 32 km/h einen Anstieg hochzuballern ist weder ökonomisch, noch reicht es, um an dem sich nun zersplitternden Pulk dranzubleiben. So eine Hatz habe ich kurz vor km 450 noch nie erlebt. Vor Mortagne geht es immer so zu, aber so spät im Rennen hätte ich nie und nimmer mit diesen ständigen Tempoverschärfungen gerechnet. Stefan sieht es ähnlich. Platt und brutal ernüchtert, was die eigene Stärke angeht, legen wir eine Pinkelpause ein, lassen die Irren ziehen und rollen nach knapp 17 Stunden gemächlich nach Loudeac (km 450). Wir haben vor dem Start viel geplant, diskutiert und analysiert. Stefan hat PBP zwei Mal absolviert, ich drei Mal. Zusammen haben wir etwa zwei Dutzend 1200er auf dem Buckel, sind also definitiv keine Anfänger mehr. In einer Art „Ehevertrag“, das trifft den Sachverhalt wohl sehr exakt, denn wir haben in den Monaten um PBP möglicherweise mehr Zeit miteinander auf dem Rad als mit unseren besseren Hälften verbracht, hatten wir als oberste Priorität vereinbart, unnötige Spitzen zu vermeiden, uns dennoch aber an zügige Trupps anzuschließen. Das das stets ein sehr schmaler Grad ist, war uns voll bewusst.

Im Nachhinein stellte sich raus, dass viele der Kollegen, die uns auf der Hetzerei nach Loudeac volle Kanne weggefahren sind, erst Stunden nach uns wieder in Paris ankommen.
Die geniale Statistik unseres langjährigen Mitstreiters Axel König und eine grafische Analyse der Universität London (siehe die Link weiter unten) geben uns dafür einen sekundengenauen Beweis, auf den fast 800 km von Loudeac bis Paris machen wir, obwohl subjektiv immer langsamer werdend, insgesamt 155 Plätze gegenüber den Hinweg – Rasern gut. Soviel zum Thema Krafteinteilung.

Der riesige Berg des langersehnten und wie immer köstlichen Loudeacer Kartoffelpürees, den ich mitsamt Huhn, Salat und Nachtisch bereits morgens um neun zum Frühstück verzehre, soll uns wieder neue Kräfte verleihen. Die folgende Etappe nach Carhaix (529 km) ist recht hügelig und gilt als äußerst anspruchsvoll.
Auf dem Teilstück zahle ich trotz prall gefüllter Energiespeicher nun den Preis dafür, dass ich im letzten Monat vor PBP falsch bzw. gar nicht mehr trainiert habe. Normalerweise fahre ich den Monat vor so einer Großveranstaltung kurze Einheiten mit vielen Bergen und relativ hohem Tempo als Krafttraining, in der letzten Woche vor dem Start noch einen harten Marathon am Anschlag, um so eine Art Rennhärte in den Muskeln zu konservieren. Das war diesmal leider nicht möglich und so und so werden wir, während wir uns die fiesen Rampen aus Loudeac Richtung Westen hinauf quälen, auch oft überholt. Mit Ach und Krach hängen wir uns bis zur Geheimkontrolle in St. Nicolas an zwei starke Amerikaner ran. Danach wird die Strecke etwas leichter. Zehn Kilometer vor Carhaix sehen wir, dass in einem Ort am Rathaus irgendetwas Größeres mit Absperrgittern aufgebaut wird. Vermutlich eine Art Volksfest, wie das bei PBP in sehr vielen Orten üblich ist. Ich merke mir das für ein potentielles Nachtlager auf dem Rückweg. Unsere Fahrweise und der frühe Start in Gruppe A wird uns dann nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein existentielles Schlafproblem bescheren, da die Kontrollen in Carhaix (698 km), und falls wir es überhaupt soweit schaffen, in St Nicolas (734 km) oder Loudeac (780 km) überfüllt sein werden.

Die Kontrolle in Carhaix (km 529) habe ich noch nie besonders gewürdigt. Traditionell sind die Fixpunkte für mich eher Loudeac und Villaines.
Also nur Wasser holen, ein Baguette einwerfen und weiter geht die Reise, dem langen Anstieg zum Roc Trezevel entgegen.

Und dennoch fällt mir in Carhaix diesmal etwas ganz besonderes auf, nicht dass ich sie nicht schon früher bemerkt hätte. Es sind die Menschen, die in ganzen Heerscharen erst unser episches Radvergnügen Realität werden lassen. 1500 – 2000 freiwillige Helfer sind rund um die Uhr nur für uns da. Und das mitten im August – die Grande Nacion geht in diesem Monat kollektiv in Urlaub. Und während so mancher Franzmann an der Cote d´Azur bei einer gut gekühlten Flasche Sancerre und einer Platte mit Meeresfrüchten über sein Schicksal nachdenkt, verbringt sein bretonischer Landsmann seinen Urlaub nachts um halb drei mutterseelenallein auf einem Klappstuhl an einem Kreisverkehr an der Ortseinfahrt von Fougeres, winkt mit seinem Fähnchen und sorgt dafür, dass die bergab preschenden Radfahrer auch den richtigen Abzweig zur Kontrolle finden. Zu den unchristlichsten Zeiten schmieren sie Baguettes, reinigen Toiletten, stempeln Brevetkarten, sorgen als Motorrad- Eskorte für Sicherheit auf dunklen Straßen oder spülen ganze Berge schmutzigen Geschirrs. Auch wenn man kein französisch spricht, haben sie für jeden ein aufmunterndes Wort. Den freiwilligen Helfern sind wir zu unendlichem Dank verpflichtet. Besonders eine Gruppe habe ich ins Herz geschlossen, die Herren, die mit voller Konzentration das Werk eines Piepmeisters ausüben. Anfangs wollte ich es kaum glauben, aber an jeder Kontrolle steht neben dem mit einer Gummimatte versehenen Kontrollkabel für die elektronische Zeiterfassung ein älterer Herr. Sehr ernst prüft er, ob unser elektronischer Chip beim Überschreiten des Kontaktes das akustische Signal abgibt und zwar exakt genau einmal. Wer nach dem Ausfüllen des Kontrollheftes den gleichen Weg zurück möchte, wird streng ermahnt. Raus geht es nur auf der anderen Seite. Schließlich darf jeder Fahrer pro Kontrolle nur einmal piepen.
Der Piepmeister von Carhaix-Ploguer ist offenbar der ungekrönte Champion seines Gewerbes und nicht nur deshalb mein persönlicher Held der
18. Austragung von Paris-Brest. Mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit gilt es für ihn, innerhalb weniger Stunden mehr als zehntausend Töne von Fahrern auf Hin-und Rückweg zu registrieren. Außerdem muss er die unterschiedlichen Töne für Hin- und Rückfahrt fein säuberlich auseinanderhalten. Wie leicht hat es doch da sein Kollege in Brest.
Während die Helfer in der Kontrolle alle Hände und Ohren voll zu tun haben, ist auf der Straße nach Brest dagegen kaum etwas los, die Schnellen sind vor uns, das Hauptfeld hinter uns. Ein wenig gelangweilt kurbeln wir hoch. Ich hatte mir das im Vorfeld alles viel flotter vorgestellt, aber im Survival- Modus reicht unsere Energie nicht aus, um so richtig Gas zu heben, andere Fahrer zu überholen, ein wenig Abwechslung reinzubringen oder auch mal einen schnelleren Intervall einzulegen. Nach Brest dauert es mir einfach viel zu lange, bevor mich der Trübsinn aber ganz runterzieht, rettet mich die herrliche Landschaft um Huelgoat, der Ort ist ein echter Hingucker.

Kurz vor dem Roc belustigen uns zwei acht bis zehnjährige Brüder, die eigens für vorbeikommende Fahrer eine spaßige Choreographie mit viel Klatschen und Hüpfen einstudiert haben, danke Jungs. Oben kommen uns etliche Fahrer entgegen, die Spitzengruppe sehen wir diesmal aber nicht, die sind schon durch. Vom Roc sind es aber immer noch 50 lange km bis Brest (km 614) und bergab geht es nur auf dem ersten Abschnitt. Die Grundgeschwindigkeit hat sich nach den ersten 300 Kilometern, die atemberaubend schnell absolviert wurden, inzwischen stark relativiert. 80 km gleich knapp unter drei Stunden, das funktioniert einfach nicht mehr. Irgendwann werden wir aber vom Radgott für unser geduldiges Treten mit einem absoluten Höhepunkt beschenkt. Die autofreie Brücke nach Brest hinein bietet uns einen phantastischen Ausblick auf die Stadt und die gegenüberliegenden Crozon- Halbinsel. Dazu belohnt uns der reichliche Applaus der Bewohner Frankreichs westlichster Großstadt, die hier den wunderschönen Nachmittag genießen. Ich erinnere mich, dass hier nachts oder bei Regen auch schon mal überhaupt nichts los war.

Die Kontrollstelle, die wir, von qualmenden Stadtbussen jenseits aller Abgasnormen eskortiert, im dichten Feierabendverkehr gegen 17 Uhr erreichen, hat gigantische Ausmaße. Nach der Stempelstelle folgt ein langer Fußmarsch zur Kantine, dann ein paar hundert Meter zur Toilette und später wieder alles zurück. Das kostet uns rekordverdächtige 60 Minuten an Aufenthalt. Dafür überzeugt Brest diesmal an der Gabel, nach der für die französische Küche unwürdigen Pampe von anno 2011 gibt es nun ein anständiges Komplett- Menu zu erwerben. Alles ist auf dem Tablett bereits angerichtet. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass man sich nach 614 kraftraubenden Kilometern nicht noch das Hirn wegen der Essensauswahl zermartern muss. Zwölf Euro zahlen und gegessen wird, was auf den Tisch kommt. So einfach ist das in Brest.
Überhaupt Brest, die Stadt verleiht dem Rennen einen bedeutenden Teil seines Namen als ersehntes Ziel und Wendepunkt. Und dennoch ist Brest anders als alle anderen Kontrollen, hierhin kommt niemand zurück, hat man die Stadt einmal verlassen, muss man vier lange Jahre auf eine Rückkehr warten.

Als wüssten wir um diese Magie, begeben wir uns betont langsam hinaus aus der bretonischen Hafenmetropole. Jenseits der Magie sind es allerdings profane Steigungen und Verkehrsampeln, die unser Tempo drosseln. Nach 20 km passieren wir Landerneau – nach einem Bretagne-Urlaub bin ich mir ziemlich sicher, das das der schönste Ort der gesamten Strecke ist. Natürlich stoppt hier niemand, zu nah liegt das entzückende Städtchen bei Brest, zu stark sind noch der Wille und der Elan, endlich den langersehnten Rückweg in Angriff zu nehmen. Und tatsächlich, der Aufstieg zum Roc Trezevel fällt uns viel leichter als erwartet, von weitem sieht man den Sendemast, die Steigung ist nicht zu arg, wir kurbeln einfach hinauf. Runter dann nach Carhaix habe ich nach wie vor das Gefühl irgendwo im radfahrerischen Niemandsland unterwegs zu sein. Wir sind alles andere als schnell, die 25 Stunden, die wir nach Brest benötigt haben, erscheinen mir angesichts der Steilvorlage mit dem Höllentempo bis Villaines etwa zwei Stunden zu viel. Doch richtig langsam sind wir auch nicht, ich vermag unseren Fahrstil nicht einzuordnen, keine Höhe – aber auch keine Tiefpunkte. Wohl eher das, was man bei uns im Ruhrgebiet als ehrliche Maloche bezeichnet. Wir fahren nun sozusagen die Spätschicht und rollen sehr kontrolliert, aber unspektakulär nach Carhaix (698 km) hinein. Dort halten wir am Wohnmobil von Harry Romberg. Für alle Fälle haben wir hier ein kleines Täschchen deponiert. Unser Notfall-Set bleibt unangetastet, aber Harrys Gattin Martina und ihr Bruder verwöhnen uns mit Getränken, Käse und Baguette. Einfach klasse, denn nun können wir das Restaurant in der sehr vollen Kontrolle auslassen. Ein Schlafplatz wäre jetzt, da es gerade dunkel geworden ist, aber auch nicht schlecht. Nach unzähligen Brevets weiß ich, dass ich, wenn alles stimmt, maximal 800 km am Stück ohne Schlaf fahren kann. Mehr ist nicht drin. So perfekt ist es diesmal aber nicht gelaufen und wir haben bereits 700 km auf dem Tacho. Auf der anderen Seite des Sportplatzes gibt es eine Turnhalle zum Schlafen, im Chaos der Carhaixer Kontrollstelle, wo man kaum einen Platz findet, um sein Rad abzustellen, allerdings nicht leicht auszumachen. Ganz ehrlich, uns verwirren die Massen der Radfahrer. Was bei der Amelde- Zeremonie am Samstag noch höchst unterhaltsam war, macht mir hier Sorgen. Es ist einfach zu voll, auch an der Registrierung zum Schlafsaal stehen bereits 15 Leute an, ganz vorne Tobit aus Dortmund. Mir ist das alles zu stressig. Anstehen, um schlafen zu können, danach steht mir nicht der Sinn, also sage ich zu Stefan, nix wie weg.
Im Nachhinein war das ziemlich arrogant von uns und auch in Sachen Nachtfahrt ein potentieller Gefahrenpunkt, denn bei PBP sind 15 Leute noch keine Schlange. Im Hinterkopf haben wir allerdings den nur 10 km entfernten nächsten Ort, Mael-Carhaix, schließlich hatte man hier am Vormittag irgendetwas aufgebaut. Da ließe sich bestimmt ein Plätzchen zum Schlafen finden. Dort angekommen, zeigt sich der ganze Trubel als Geheimkontrolle für Fahrer Richtung Paris, die große Masse, die noch nach Brest unterwegs ist, wird durchgewunken. Für uns ist das wie eine Sechser im Lotto, denn in einem Nebenraum haben die Helfer ihr eigenes Ruhelager. Zu unserem Glück wird das um 23 Uhr noch nicht in Anspruch genommen. In diesem Paradies liegen Matratzen, Wolldecken und Kissen nur für uns bereit. In Nullkommanichts bin ich eingeschlafen und habe wohl selten in meinem Leben besser geruht. Nach zwei Stunden wecken uns die netten Kontrolleure, schenken uns einen heißen Kaffee ein und wir fühlen uns frisch und wie neu geboren. Zwei Stunden erquickenden Schlafes im richtigen Moment reichen bei Paris-Brest-Paris aus. Wenn man in den Tagen vor dem Start genug Schlaf gebunkert hat und sich unterwegs nicht platt fährt, kommt man damit bestens über die Runden. Die Streckenführung zurück nach Loudeac erweist sich auf den ersten Kilometern als verwirrend, wir nehmen wohl einige Umwege in Kauf, um nicht den Radlern auf dem Hinweg zu begegnen. Ab Corlay ist in den Dörfern trotz der späten Nacht viel los, in St. Martin de Pres scheint der halbe Ort sich dem Nacht-Grillen verschrieben zu haben und verströmt einen Appetit anregenden Duft, den Dutzende Fahrern nur zu gern folgen. Wir stoppen oben auf einem Hügel, wo vor einem Bauernhaus ein nächtlicher Ausschank Kaffee und Schoko- Riegel anbietet. Ein kleiner Bub, der beim letzten Paris-Brest noch nicht auf der Welt war, verfolgt das nächtliche Treiben in eine Wolldecke gehüllt mit großem Interesse. Als seine Mutter ihn fragt, ob er nicht doch lieber drinnen auf dem Sofa schlafen möchte, sagt der Knirps, der kaum noch die Augen aufhalten kann, nur „no“, zu verlockend ist für ihn der Anblick der Gestalten, die hier anhalten.

Dieses Spektakel will er sich nicht entgehen lassen- Tapfer versucht der kleine Junge wachzubleiben

Uns tut der Kaffee gut, nach der Schlafpause ist die sonst mächtig fordernde Etappe nach Loudeac (km 780) diesmal gut zu meistern, trotz reichlich Gegenverkehr fahren wir sehr zügig bergab. Ich habe dank Nabendynamo ordentliches Licht und auch zum ersten Mal in meinem Leben richtig gut funktionierende Bremsbeläge, so dass das Rad dann steht, wenn ich es will. So kann ich mit Stefan mithalten, der relativ resolut bergab fährt und auch schon mal mit 50 kmh in einen Kreisverkehr rein hält, in Frankreich ist das machbar.
Nach dem Frühstück in Loudeac (780 km) geht es in den nächsten Tag hinein, irgendwann wird es hell, ein deja vú der ganz besonderen Art, wie am morgen zuvor umfängt uns dieses unvergleichliche nebulöse Licht, wenn die kühle, klare Nacht und der anbrechende sonnige Tag sich noch nicht im Klaren darüber sind, wie es nun weitergehen soll.

Nebelfoto Tilo

Bei uns und den sieben oder acht anderen Fahrern, mit denen wir die leeren Straßen teilen, hat sich ein sehr routinierter Fahrstil etabliert. Gleichmäßig trifft es wohl am Besten, nach mehr als 800 km auf dem Buckel ist die Lust an Tempoverschärfungen erloschen. Auf die nächste Ortsdurchfahrt, maximal die nächste Kontrolle fokussiert, rollen wir dem neuen Tag, von dem wir hoffen, das es der letzte auf dem Rad sein wird, entgegen. Was mich wundert ist, dass uns noch immer viele Fahrer entgegenkommen, das Zeitlimit müsste doch längst überschritten sein.
Tinteniac (865 km) sieht uns nur solange, wie es für zwei Baguettes braucht. Umso größer die Freude, als wir dort mit Jan, Tilo und Tobias altbekannte Kollegen von daheim antreffen.

Unsere Gruppe mit einigen deutschen Fahrern früh am Morgen irgendwo östlich von Tinteniac

 

Mit dieser erlesenen Begleitung machen wir uns auf den Weg nach Fougeres (911 km). Auf diesem Teilstück, kurz und flach, habe ich dennoch immer das Gefühl, zu langsam zu fahren. Dabei ist es besser sich für das, was bis Paris noch an Höhenmetern wartet, zu schonen. In der Gruppe schaffen wir das auch. Im Restaurant von Fougeres wird schon wie in der Nacht zuvor ordentlich aufgetischt. Huhn, Reis und Pudding sorgen für Kaloriennachschub. Obwohl bei unserer Fahrweise doch so einiges über die Fettverbrennung läuft, überrascht es mich immer wieder, was ich unterwegs bei so einem Radausflug alles verdrücke.
Und so stoppen wir bereits wenige Kilometer außerhalb von Fougeres erneut. Inn La Tanniere wartet der weltberühmte Crepé- Stand auf uns, den wir 2011 so achtlos passiert haben. Damals schworen wir uns, dass das nie wieder geschehen wird. So dränge ich Stefan zu einem erneuten Päuschen direkt nach der langen Essenspause, die Crepes sind gar köstlich, dazu Kaffee und als uns der nette Herr einen zweiten Crepe offeriert, können wir nicht nein sagen. Die Dankschreiben ist inzwischen abgeschickt, der Deal ist so genial wie einfach. Hungrige Radfahrer werden mit Leckereien versorgt, als Bezahlung schickt man den netten Leuten eine Ansichtskarte aus der Heimat. 2003 hing dort die Garage schon voller Karten aus aller Welt, inzwischen ist wahrscheinlich das ganze Haus damit tapeziert. Zusammen mit einem dänischen Crepe- Liebhaber machen wir uns auf den Weg in das wellige Stück bis Ambrieres (967 km). Das ist sozusagen der lustige Teil dieses Abschnitts, den wir zügig absolvieren. Nach Ambrieres beginnt hinter der Mayenne- Brücke der unangenehmere Teil der Etappe nach Villaines, leider erweist sich meine ganz passable Streckenkenntnis nun als psychologischer Nachteil. Ich entsinne mich sehr genau an die schier endlosen Abfahrten der ersten Nacht, als wir hier mit dem Tiki-Taka-Spanier hinabsausten. Nun ging es bei Tageslicht hinauf auf den für mich schäbigsten Abschnitt des ganzen Rennens. Hier hatte ich immer Schwierigkeiten, vom Hungerast bis zum Zerplatzen der Träume von einer neuen Bestzeit. Bei den langen Anstiegen hilft auch der Anblick des malerischen Schlossparks von Lassay le Chateuax nur kurz.

 

Steht hier schon seit dem 16. Jahrhundert- Lassay le Chateuax- ein Schloß wie gemalt. So toll das Bauwerk auf den Betrachter wirkt, so schwer ist der knüppelharte Anstieg dorthin- nichts wird uns hier geschenkt

Es kommt aber Richtung Villaines noch dicker, da sich vor uns nun regelrechte Rampen auftürmen. Kein Wunder, das ich auf der Hinfahrt im Dunklen immer die Hände an der Bremse hatte. An der allersteilsten wartet oben ein Fotograf, den ich unten schon verfluche. Der Drecksack hat sich genau dort aufgebaut, wo es in den Beinen wehtut. Das mit dem Drecksack nehme ich inzwischen zurück, denn fotografieren kann er, auf dem Bild sehen wir nach 1000 km noch nämlich noch recht frisch aus, vor allem Stefan. Bei ihm habe ich sowieso oft das Gefühl, dass er sich für was Großes schont, dazu später mehr.

Steiler Anstieg kurz vor der 1.000 km- Marke. Mal ehrlich, dafür sehen wir noch ganz gut aus

 

Villaines-la-Juhel (1008 km), das habe ich anfangs bereits erwähnt, liebe ich nur auf der Rückfahrt, aber dann mit all meinen Sinnen. Die tausend Kilometer sind geknackt, bei der Einfahrt in die Hauptstraße des Ortes mit dem gigantischen Zielbogen fühle ich mich in den wenigen Sekunden, die wir zur Kontrolle hinabrollen, bei all dem frenetischen Applaus der Einheimischen tatsächlich wie ein Star bei der Tour de France. Man möchte anhalten und sich bei jedem einzelnen mit Handschlag bedanken. Gewiss einer der erhabensten Momente der ganzen Veranstaltung, auch wenn der Versuch gekonnt und mit viel Schwung elegant vom Rad zu steigen mit doch schon recht verhärteter Muskulatur nicht so wirklich gelingen will. Immerhin, wir schaffen es, ich habe hier auch schon Leute gesehen, die einfach vom Rad fielen und dann von den fleißigen Helfern mehr oder weniger in die Kontrollstelle getragen wurden. Wir verneigen uns zusätzlich vor dem örtlichen Bäcker, dessen in der Kontrolle feilgebotener Käsekuchen alle bisher verkosteten Süßspeisen in den Schatten stellt. Mensch, was geht es uns gut.

Das Knie hat gehalten, wir sind mehr als 1000 km gefahren, die restliche Distanz beginnt in der Tat überschaubar zu werden, ein handelsüblicher Marathon, mehr ist es schließlich nicht – und das allerbeste: es ist Dienstag Nachmittag kurz nach vier. Man muss sich das eigentlich auf der Zunge zergehen lassen. Gut, die ersten Fahrer sind schon lange in Paris, aber wir sind nach 48 Stunden in Villaines und eben nicht in Carhaix, Loudeac oder Tinteniac.
Was soll uns da noch passieren, eine Zeit unter 60 h scheint realistisch. Ab Villaines kann man auf die Uhr gucken, vorher ist das alles nur unnütze und eitle Rechnerei, die sowieso nicht funktioniert. Auf dem Rückweg aus Brest kennen Zahlenspielereien rund um die Durchschnittsgeschwindigkeit nur noch einen Weg – nach unten. Von Etappe zu Etappe müssen Zeitpläne korrigiert werden, das führt zu Frust. Meine Faustregel lautet inzwischen grob formuliert „Hinweg Brest plus acht bis zehn Stunden mehr Rückweg gleich Gesamtzeit“- alles darunter in zweiten Hälfte ist ziemlich gut.

So erhaben die Stimmung in Villaines und so köstlich der Käsekuchen auch schmeckt, das Teilstück nach Mortagne (km 1089) hat es in sich. Das wellige Terrain – auf der Hinfahrt locker weggebügelt- zeigt nun seine Tücken. Man sieht den Gegenanstieg, verfügt aber nicht mehr über die Reserven, ihm mit adäquaten Maßnahmen begegnen zu können. Das Wohlbefinden schwindet, die schwerste Etappe, die ich eigentlich erst ab Mortagne erwartet habe, plötzlich sind wir mitten drin. Leider wissen wir auch warum – erstens hält ein Stück Käsekuchen bei unserem Energieverbrauch nicht lange, zweitens sind die Italiener, an die wir uns dranhängen, einen Hauch zu schnell. Irgendwann müssen wir abreißen lassen. Wir haben vielleicht zehn Minuten überdreht, sind unnötig im Spitzenbereich unterwegs, was wir unbedingt haben vermeiden wollen. Das rächt sich nach der absolvierten Distanz jetzt überproportional. Es wird zäh. Wir werden überholt. Stefan plagen Magenprobleme. Vor Mamers (km 1065) verschwindet er kurzzeitig in einem Kornfeld, während ich mir meinen allerletzten Riegel rein würge. Wie vor Loudeac und Brest auf dem Hinweg bewegen wir uns nun wieder im Rumgeeier- Modus, zügiges Fahren ist wegen des Kaloriendefizits für uns hier ein Fremdwort. Die Moral schwindet, aber Gott sei dank lebt unser Traum von „unter 60“ noch. Am Morgen hatte ich sozusagen als Tagesbefehl ausgegeben, dass wir Mortagne vor 21 Uhr zu verlassen haben. Der letzte Anstieg dorthin zieht sich schier endlos, als uns einen km vor der Kontrolle sogar ein britischer Fixie- Fahrer locker überholt, überlege ich kurz, mein Rad in den Straßengraben zu werfen. Was niemand ahnen konnte, der Fixie- Fahrer sollte tatsächlich der Letzte sein, der uns überholte.

Und das lag zweifelsfrei an den Spaghetti Bolognese in Mortagne (km 1089). Hier zeigte sich die wahre Qualität der französischen, nennen wir sie doch so, wie sie es verdient, Haute Cuisine. Gut, auf den ersten Blick wirken die Teigwaren etwas ausgekühlt, blass und von fader Konsistenz. Doch der Koch beweist wahre Könnerschaft, indem er durch beträchtliche Mengen gut gewürzter Fleisch-Tomaten Sauce den eklatanten Temperaturunterschied sozusagen annulliert. Nach fast 1100 km harten Radsports ändern sich halt die Maßstäbe – außer Fensterkitt und Stacheldraht hätte ich wohl alle anderen Speisen mit ähnlicher Begeisterung verzehrt.

Tilo und Michael, einer von Carsten Blocks Hamburger Mitfahrern, sind ebenfalls in Mortagne. Mit den Jungs möchte man auf den ersten anspruchsvollen Bergen aus dem Städtchen raus nicht unterwegs sein. Außerdem trödeln sie noch ein wenig in der Kontrolle herum, suchen ihre Klamotten zusammen. Wir finden das gar nicht schlecht, wollen zwei oder drei Hügel erklimmen, bevor wir eingesammelt werden. Dank der guten Stärkung macht es uns sogar richtig Spaß die Anstiege endlich wieder mal etwas ambitionierter anzugehen. Nachdem wir einige Spanier und Franzosen überholt haben, sind wir plötzlich wieder voll dabei. Sigmar Gabriel würde wohl sagen: „Ehrliche Arbeit muss belohnt werden“ Und anders als im richtigen Leben wird sie belohnt. Wenn wir, es ist inzwischen dunkel geworden, Rücklichter vor uns sehen, fahren wir einfach hin. In Senoches treffen wir so auf ein Dutzend Franzosen, mit denen wir bis nach Dreux (km 1166) kommen, sehr merkwürdig diesmal aber die Route der letzten 30 km nach Dreux, ich habe ständig das Gefühl, das wir im Kreis fahren. In Dreux war schon immer alles ein paar Nummern zu groß. Diesmal lassen sie uns sogar, anstatt wie beim letzten Mal mit dem Rad direkt vor die Halle zu fahren, weit draußen die Räder abstellen. Jetzt noch ein paar hundert Meter in den Radschuhen hin- und herzulaufen, ist wahrlich kein Genuss. Cola, Café und Croissant, und schon sagen wir Tschüss, wir haben besseres zu tun, als hier herumzuhängen. Es ist genau viertel nach zwölf, um unseren Traum „Under Sixty“ wahr werden zu lassen, haben wir noch fast vier Stunden, das ist machbar. Außerdem haben wir zwei interessante Begleiter. Zwei Bretonen, die uns am Nachmittag aus Villaines heraus am Berg einfach stehenließen und die ebenfalls in der größeren Gruppe nach Dreux hinein unterwegs waren. Der Jüngere der Beiden fährt wie ein Uhrwerk, normalerweise müsste er seit Stunden in Paris sein. Sein Kollege allerdings ist jenseits der 70, hält sich stets am Ende der Gruppe. Vorne fahren muss er auch nicht, es ist schlicht sensationell, dass der Veteran es so flott bis hierhin geschafft hat. Radfahrer wie ihn oder noch besser, den bereits 84-jährigen Friedhelm Lixenfeld aus Hamburg zu sehen, gibt mir jedes Mal Kraft und Inspiration, von der der ich womöglich noch Jahrzehnte zehren werde. Mal ganz ehrlich, als Rentner wird man zwar so einige Zipperlein dazubekommen, dafür hat man aber endlich die Zeit, um richtig zu trainieren.
Unser Quartett, Stefan meistens vorneweg, rast nur so durch das Flachstück aus Dreux hinaus und auch die Anstiege im Wald von Rambouillet sind kein Hindernis mehr. Etwa 30 km vor dem Ziel fahren wir eine große Gruppe auf. Die Italiener vom Nachmittag mittendrin. Wenn man bei Paris-Brest aber etwas nicht gebrauchen kann, da sind Stefan und ich uns ganz sicher, sind das übermüdete Italiener kurz vor dem Ziel. Ich liebe sie normalerweise, aber seltsame Erfahrungen bei London – Edinburgh oder Madrid – Gijon haben mich gelehrt, ihnen auf dem Rückweg besser aus dem Weg zu gehen. Im kommenden Jahr bei der Mille Miglia in Italien wird das nicht ganz so einfach. Stefan gibt Gas, die Italiener bleiben hinter uns, nur noch zwei Franzosen sind dabei, ein sehr Guter und einer ohne Licht. Natürlich ist es vollkommen bescheuert, aber es bringt irgendwie auch einen Heidenspaß, als wir auf den letzten 20 km nach Paris mit den beiden eine Art privates Rennen veranstalten. Vor allem fühlt es sich viel besser an als sich mit allerletzter Kraft über die schier endlosen letzten Kilometer quälen zu müssen. Dann doch lieber mit etwas tempo- der eine Franzose attackiert, Stefan bleibt dran, ich kontrolliere den Lichtlosen von hinten, ist auch sicherer, rede ich mir ein. Stefan zieht immer wieder an, der Franzose geht mit, so geht das lustig hin und her, während die Entfernung zum Ziel schnell schwindet. Irgendwann wird es mir hinten aber zu öde, ich fahre nach vorn zu Stefan und unsere französischen Begleiter lassen abreißen. Wahrscheinlich sind sie es aber, die sich über die bekloppten Deutschen kaputtlachen, sie sind aus einer späteren Startgruppe und in der Wertung ohnehin vor uns. Was soll´s, die letzten Kilometer ins Ziel rollen nun dank erneuerter Streckenführung geschmeidig durch einen Park, keine Ampeln in schaurigen Trabantenstädten mehr, um 2:46 Uhr erreichen wir die Zielkontrolle, eine Ankunftszeit, die vom Pariser Publikum noch nicht so recht angenommen wird. Der Applaus ist daher überschaubar.
58:46 – das bleibt als trockene Zahl in den Annalen stehen.
Im Innenraum des für die Rad-WM im vergangenen Jahr errichteten Velodroms sind die Helfer auch nachts um drei noch in Topform, besonders die Bierzapfer liefern grundsolide. So quatschen wir noch mit den schnelleren unser Bekannten, die frisch geduscht schon seit Stunden hier sitzen. Um sofort schlafen zu gehen, dazu sind diese Momente im Ziel einfach zu schön.
Wir haben es uns einfach verdient, im Ziel erst mal ein paar Stunden Bier zu trinken!

Wegen der Knieprobleme im Vorfeld hätte ich nicht von einer 58 er-Zeit zu träumen gewagt. Ein tadelloses Ergebnis. Das wir aber hauptsächlich unserer Routine verdanken. Ständig überholt zu werden, nicht mitzugehen und trotzdem zu wissen, dass man dennoch vor den meisten dieser Raser in Paris ankommen wird, dazu bedarf es einer gewissen Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung. Viellicht hatte der Schock mit meinem Knie ganze zwei Wochen vor PBP doch etwas Positives. Möglicherweise hätte ich sonst überdreht, wäre in 22 Stunden nach Brest gerast und hätte mich dabei kaputt gefahren. Andererseits verstehe ich immer noch nicht, wo wir eine bessere Zeit liegengelassen haben. Wohl eher auf dem Hinweg – 14 Stunden von Fougeres nach Brest ist wohl zu langsam. Und auf dem Rückweg zwischen Fougeres und Mortagne waren wir auch nicht wirklich zügig unterwegs. Doch was soll das Jammern, fast niemand kann die 1230 km ohne einen Hänger abspulen, die Tatsache, dass wir ohne Begleitfahrzeug unterwegs waren, erfordert lange Aufenthalte in den Kontrollen und wenn ein Crepe- Stand lockt, lohnt es sich anzuhalten.

ZIELFOTO zweieinhalb Tage auf dem Fahrrad, endlich wieder in Paris

Fazit – wir sind heil in Paris angekommen, die Zeit ist klasse, zwar haben wir etliche Kilometer unter unserem Niveau herum geeiert und es wurden uns unsere Grenzen aufgezeigt. Aber Rad, Knie und Hinterteil haben ihren Dienst ohne Murren verrichtet, die Tour und besonders das ganze Drumherum waren ein überragendes Erlebnis. Für einen Radfahrer, der verrückt nach Langstrecken ist, kann es im Leben nichts Schöneres geben.
Auf französischen Landstraßen ging es mir schon viel schlechter als bei der diesjährigen Schönwetter-Ausfahrt, als ich alles verfluchend mit schmerzenden Gliedern und angeknackster Moral unterwegs und hätte schwören können, mir solches Leid nie wieder anzutun
Diesmal habe ich mich schon während des Rückwegs auf 2019 gefreut.

Hier noch die oben beschriebenen Links, die von Axel König zusammengestellte Gesamtübersicht

http://axel-koenig.com/results/pbp2015

und als genialer Gimmick diese englische Grafikanalyse. Einfach meine Startnummer A073 eingeben und das Rennen als kleiner schwarzer Punkt im Zeitraffer bestreiten

http://www.staff.city.ac.uk/~jwo/pbp2015/

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