ParisBrestParis 2007

Durch die nasse Hölle des Westens

Zwanzig Stunden Regen, ein merkwürdiger Kaffee, bergab ohne Bremsen und erste Attacken ab Kilometer 980 !

Paris-Brest-Paris 2007

Aus, Schluss, vorbei- nichts geht mehr. Ich will nur noch schlafen, die Frage nach dem Wo und Wie stellt sich gar nicht mehr. Ich steige vom Rad, lege mich wie ein Penner auf den Asphalt – der Helm muss als Kissen herhalten. Der steinharte Belag erscheint mit trotz allem als recht komfortables Nachtlager. Die 40 Kilometer nach Loudeac mit seiner Kontrolle, Duschen und weichen Feldbetten sind in meinem momentanen Zustand reine Utopie. Das Ende der zweiten Nacht bei Paris-Brest ist der Tiefpunkt schlechthin.

Ein absurdes Szenario Mittwoch früh kurz vor sechs Uhr auf einer stockfinsteren bretonischen Landstraße.

Wieso tun Menschen sich so etwas freiwillig an? Ich höre noch wie der ebenfalls arg übermüdete Siggi sagt, dass er es noch bis ins nächste Dorf schaffen will. „ich komm gleich nach“ höre ich mich noch schon fast im Jenseits antworten, und ratzfatz bin ich auf der Straße ins Reich der Träume hinüber. Besser irgendwo liegen als auf dem Rad einschlafen und unweigerlich stürzen. Die Anspannung der letzten zwei Stunden war einfach zu heftig, anstatt mich in Brest anständig auszuruhen, dachte ich, das es diesmal vielleicht auch ohne Schlaf zurück auch Paris gehen könnte. Eine grandiose Fehleinschätzung, die ab Carhaix bestraft wird. Gut wir sind schon auf dem Rückweg, das nehmen wir mal als positiv, aber die vielen grellen Lichter, die mir auf dem Stück von Carhaix Richtung Loudeac im Dunklen entgegen kommen, rauben mir fast den Verstand.

Bin ich in der Disco?

Am Schlimmsten sind die grellen gelben Lampen, die uns einsam in die Gegenrichtung nach Paris eilenden Radfahrer irritieren. Wäre ich Frankreichs Staatspräsident, würde ich als erste Amtshandlung dieses fiese Fernlicht verbieten. Den Fahrern, die uns entgegenkommen, bieten sie auch des Nachts eine tolle Sicht. Für uns aber bedeuten die blendenden Lichtquellen allerhöchste Konzentration, Anspannung pur und Phasen im Blindflug- vor allem wenn Fahrer aus der 90 Stunden Gruppe nebeneinander radeln- so breit ist die Strasse hier auch nicht und auf einen nächtlichen Zusammenprall habe ich keine Lust. Im Prinzip sind die Kollegen auf der Gegenfahrbahn doch auch alle ziemlich müde. Wie schnell passiert da was. Mich treiben die Lichter jedenfalls fast in den Wahnsinn- fehlt nur noch dass einer einen Ghettoblaster mit Musik am Rad hat und ich würde mich bei dem Geflacker tatsächlich wie in der Disco fühlen.
Meine Wahrnehmungskraft ist ernsthaft gestört, mit einem normalen Radrennen, hat das, was hier abgeht, nicht einmal im Entferntesten etwas gemein. Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt.
Jedes Paris-Brest ist anders, alle vier Jahre ändern sich die Bedingungen auf fundamentale Weise, das hatte mir ein älterer schwedischer Randonneur schon 2003 auf der Strecke vorhergesagt. Nichts ist so wie immer, oder zumindest so wie beim letzten Mal. Wo er Recht hat, hat er Recht.
Irgendwie war es diesmal schon am Start anders als bei meinem Debüt anno 2003. Vielleicht die Tatsache, dass mir bei der zweiten Teilnahme an diesem legendären Rennen die unverbrauchte Sicht des Neulings fehlte, vielleicht der fehlende Schlaf, als ich in der Nacht zuvor vor Aufregung trotz komfortablen Hotelzimmers kaum ein Auge zugemacht hatte, am wahrscheinlichsten aber die durchwachsenen Wetteraussichten.

Trübe Aussichten

Am Start selbst war es noch trocken, aber dunkle Wolken waren schon in der Nähe und es war ziemlich klar, dass wir in der kommenden Nacht nass werden würden. Als ich kurz vor 20 Uhr noch schnell zu Hause anrufe, teile ich nur kurz mit, dass ich eigentlich gar keinen Bock habe, jetzt 1200 km auf dem Rad abzureißen.

Ruhe vor dem Sturm

Das Schönste an Paris-Brest, so denke ich in diesen Momenten, ist die Vorfreude, ganz speziell die letzten intensiven Tage in St. Quentin unmittelbar vor dem Start. Das Heer der Langstreckenverrückten, die aus aller Welt hierher gereist sind, um einfach beim Mythos dabei zu sein. Die Brasilianer, mit denen ich in Versailles plauderte und deren Gruppe auf dem Hinflug zwei Räder eingebüsst hatte, und die sich deshalb in Paris erstmal neue Räder kaufen mussten.
Die alten Amis, die sich die Zeit vor ihrer sechsten PBP- Teilnahme am Frühstückstisch im Hotel mit Anekdoten aus aberwitzigen Mountainbike-Expeditionen durch Alaska vertreiben. Die mehr als hundert Japaner, die Griechen, Australier, Polen und Dänen. Sogar Holländer und ein Inder sind am Start. Schade, mit dem hätte ich mich gerne unterhalten. Sogar zwei blaue Jacken von den Italienern aus Cesenatico erblicke ich, das sind die, die einem im Frühjahr im Trainingslager hinter jeder Kurve begegnen. Bis auf die Jungs von „Sprinter Waltrop“ sind anscheinend alle großen Radsportnationen am Start.
Und dann die vielen bekannten Gesichter aus ganz Deutschland von den Brevets daheim- wo man hinkommt, irgendeinen Kollegen kennt man in fast jeder Gruppe. Einfach brillant, all diese verrückten Radfahrergeschichten.
Am Start

Nun am Montag so kurz nach halb acht, tritt das eigentliche Rennen unwiderstehlich in den Vordergrund. Den ganzen Montag habe ich in gespannter Erwartung verbracht, gegessen, gedöst und wieder gegessen.
Es ist schön, dass ich hier am Start inmitten der Radfahrermassen (5.312 Teilnehmer hatten sich qualifiziert) nicht ganz allein bin.
Zusammen mit Bruno Schmidt, Siggi Rühling und Andreas Horscht bilden wir auch einen recht passablen Trupp und schafften es als letztes, noch so gerade in den ersten Startblock zu gelangen, der Punkt 20 Uhr startet.
Durchaus gewollt, denn die frühe Startzeit könnte später noch wichtig werden. Man hat stets die Sicherheit, das von hinten immer noch was kommt in dieser ersten, der schnellen Nacht.
Man muss andererseits nicht um jeden Preis an flotten Leuten dranbleiben, kann es mal langsamer angehen lassen und muss in der hektischen Phase, wenn sich die Ersten bereits gewaltig übernehmen, nicht übermäßig Kraft vergeuden. Das kommt meiner Fahrweise auch entgegen. Meine Taktik ist eigentlich simpel, so in 24-25 Stunden nach Brest, auf keinen Fall schneller, dann dort oder in Carhaix pennen und retour, falls es klappt knapp unter 60 Stunden und wenn auf dem Rückweg noch Kraft da ist, noch zwei, drei Stündchen schneller. Ein ambitioniertes Vorhaben, aber ich habe dafür genug Selbstvertrauen, bin kein Anfänger mehr auf der langen Strecke, habe mein Rad optimiert und soviel trainiert wie noch nie.
Soweit die Theorie.

Prolog mit 30er Schnitt

Nach dem Startschuss rollen wir zügig, aber ohne Stress aus den Pariser Vororten heraus- Bereits nach 20 Kilometer stoppt Bruno zur ersten Pinkelpause und wir werden erst einmal eine paar Gruppen nach hinten durchgereicht, was soll´s, vorne die Raser sind eh schon weg und ich sehe auch nicht ein, auf den ersten 220 km bis Villaines groß auf die Tube zu drücken. Ab da wird sowieso alles komplett neu sortiert, bis dahin ist Paris-Brest eher so eine Art Prolog mit einem Schnitt über 30, der noch leicht gesteigert wird, als hinter uns so nach drei Stunden etwa die Spitzengruppe des 20.15 -Starts auftaucht. Jetzt wird es fixer, wir rollen in einem über mehr als 500 Metern lang gezogenem Feld mit bis Mortagne
Seit einer halben Stunde habe ich Geburtstag, an diesem 21. August, meinem 47. Geburtstag, werde ich ziemlich genau 515 Kilometer zurücklegen- wer braucht da noch eine Feier oder Geschenke?

 

FOTO
Mortagne au Perche, 21.8. um 00.43 h- weiter geht´s, Bruno rechts ich links.

In Mortagne ein kurzer Stopp am Begleitfahrzeug, Flaschen voll machen und Nahrung in die Trikottasche und weiter geht es nach Villaines, wie gehabt in einer relativ großen Gruppe von 40-60 Fahrern. Noch ist die Kraft scheinbar im Übermaß vorhanden, ich muss Bruno, der ohnehin der Stärkere von uns beiden ist, einige Male zurückpfeifen. Es ist aber absolut kontraproduktiv, so früh an einem Anstieg eine Gruppe auseinanderzupflücken
In dieser Phase ist es eigentlich nur wichtig, möglichst viel Energie für den Rückweg zu sparen. Wie gesagt, bis Villaines ist alles nur ein Warmfahren.

Kurz vor vier herrscht dort vor der Kontrollstelle ein ziemliches Durcheinander, was mich doch einigermaßen überrascht, ich dachte bis hier hätte sich das Feld weiter auseinander gezogen

Auch hier heißt es wieder futtern- ziemlich wahllos stopfe ich Käsebaguette, Riegel und Süßigkeiten in mich hinein, bloß nicht den Fehler von 2003 wiederholen, als ich mangels Nahrung zwischen Villaines und Fougeres ein ziemliches Tief hatte.

Der Regen kommt

Etwa 30 km hinter der Kontrolle kommt dann der erwartete Regenguss. Eine Stunde lang schüttet es wie aus Kübeln, wir werden patschnass, von oben und von unten. Die Überschuhe halten nicht lange stand. Gott sei dank ist es noch relativ warm, so dass der Regen nicht total mürbe macht.
Als der Schauer aufhört, wird es hell und der nächste Widersacher, der uns an diesem Dienstag noch viel Verdruss bereiten sollte, gesellt sich hinzu. Ein heftiger Wind, teils böig – aus Nord oder Nordwest- so genau weiß man das nicht, weil wir ja auch nicht ständig geradeaus fahren.
Das hat zur Folge, dass wir schon jetzt nicht so zügig vorankommen, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte.
Es sieht aus, als müssten wir verdammt viel Kraft bereits in den Hinweg investieren. Kann das gut gehen? Ich bin erstmal froh, als wir nach Fougeres hereinrollen. Hier wechsle ich erstmal meine nasse Radhose gegen eine Trockene.
Zwar nutze ich auch den Luxus von Brunos Begleitfahrzeug, aber für den Fall des Falles habe ich auch alles dabei, um notfalls allein über die Runden zu kommen. Ist diesmal aber auch nicht schwer- Arm- und Beinlinge trage ich seit dem Start und werde sie auch bis ins Ziel nicht mehr ablegen. Zwei übereinander gezogene Trikots sorgen für Wärme und bieten mit sechs Trikottaschen ausreichend Platz für all das, was der Randonneur auf 1229 km braucht.

Keine Lenkertasche, keine Satteltasche und vor allem keinen Rucksack, bei den unzähligen Anstiegen der Strecke kann einem jedes überflüssige Kilo am Rad die Tour versauen.
Verpflegung gibt es an jeder Kontrolle in allerfeinster Auswahl und Qualität, für die 80 km dazwischen müssen zwei Bananen, ein Riegel und notfalls ein Gel reichen. Außerdem habe ich seit Mortagne eine dicke Pfeffersalami in der Trikottasche, von der ich bis Brest zehren werde.

In Fougeres wird erstmal die Hose gewechselt, eigentlich das wichtigste Kleidungsstück überhaupt bei 1229 km. Hose Nummer eins ist patschnass und kratzt bereits etwas unangenehm, noch kein Problem, aber die Reibung kann sich schnell zu einem Manko ausweiten, dass die ganze Tour verderben kann. Hose Nummer zwei sitzt auch nicht so, wie es sein sollte und kommt zurück in die Trikottasche als Ersatz für alle Fälle. Hose Nummer drei, die ich zu Hause eigentlich schon ausgemustert hatte, muss jetzt dank ihres dicken Polsters für den nötigen Sitzkomfort sorgen.
Wir lungern in Fougeres noch ein wenig am Begleitfahrzeug herum, als plötzlich ein Trupp Franzosen an uns vorbeirollt. Sofort springen Bruno und ich aufs Rad, denn diese Gruppe will ich mir nicht entgehen lassen. Sie wird von der bretonischen Radsportlegende „Max“ angeführt. Der mittlerweile 69-jährige Schnauzbart hat seine Gruppe im Griff, er fährt zwar selbst nicht vorn im Wind, aber mit seiner Trillerpfeife und auch manchmal mit harschen Worten, organisiert er die Führungsarbeit. Jeder muss mal ran und so sind wir schon vor zehn Uhr in Tinteniac.
Hier demonstrieren wir, dass ein Begleitfahrzeug zwar bequem sein kann, aber in punkto Zeitgewinn eher das Gegenteil bewirkt.
Dank Auto suchen, dort ein längerer Zwischenaufenthalt, dann hinein zur Kontrolle, Besuch und Frühstück im dortigen Restaurants, dem daraus resultierenden Toilettenbesuch, schaffen wir es den Aufenthalt in Tinteniac auf eine volle Stunde auszudehnen. Viel zu lange und erstmals auf dieser Tour ärgere ich mich.

Noch keine 400km, aber schon heftig

Zu Recht, denn ohne passable Gruppe wird das Teilstück nach Loudeac jetzt schwerer als erwartet. Der Wind wird heftiger und unser einziger Mitfahrer, ein französischer Chaot, ist keine große Hilfe. Mal fährt er 300 Meter vor uns, dann die gleiche Distanz hinter uns, nicht mal eine Dreiergruppe ist so möglich.
Doch damit nicht genug, der starke Gegenwind vermischt sich jetzt mit Regenschauern, die uns ins Gesicht peitschen, selbst bergab geht es jetzt langsam.
Noch schlimmer- bei Bruno machen sich Kniebeschwerden bemerkbar. „Viel zu früh“, denke ich und mir schwant Übles. Natürlich behalte ich das für mich, stattdessen sind jetzt aufmunternde Worte angesagt. „Es ist nicht mehr weit bis zur Kontrolle“ oder „gleich einen heißen Kaffee und dann geht es wieder“ bis hin zu „ich kenne das, nach zwei Stunden sind die Schmerzen raus gefahren“, gehen die psychologischen Kniffe, um den Kollegen moralisch zu stärken.
In Loudeac dann großer Kriegsrat im Regen vor dem Begleitfahrzeug- Bruno sitzt schon drinnen im Warmen, er will aufgeben und beginnt, die nasse Kleidung auszuziehen.
Gemeinsam mit Wolfgang und Hannes, unseren treuen Begleitern, versuchen wir Bruno noch einmal zum Weiterfahren zu bewegen.
Angesichts heftiger Knieschmerzen ist das, was wir zu bieten haben, nicht wirklich überzeugend.
Wir haben fiesen Gegenwind, wir sind bis aufs Unterhemd durchnässt, die Regenböen werden immer stürmischer , bis Paris sind es noch 800 Kilometer, um uns herum überall Autos mit Rädern auf den Dachgepäckträgern, alles Fahrer, die bereits aufgegeben haben.
Das bei diesen suboptimalen äußeren Begleitumständen außerdem die anstrengendsten 30 Kilometer der ganzen Tour unmittelbar hinter dem Ortsausgang von Loudeac bevorstehen, verschweige ich aus Höflichkeit.
Nach einer Weile haben wir Bruno zu einem „allerletzten“ Versuch überredet, wir radeln hinaus in Regen und Wind, aber bei den Anstiegen werden wir jetzt ständig überholt.
Es hat für ihn keinen Sinn mehr, Aufgeben ist zwar eine harte Entscheidung, aber sich das Knie völlig kaputtfahren, ist für ihn vernünftigerweise keine ernsthafte Alternative.
Die Gesundheit geht vor.

Also per Handy die Begleitcrew verständigt, die sind schon in Carhaix und müssen wieder zurück. Wir wollen uns an der nicht ganz so geheimen „Geheim“- Kontrolle in Corlay treffen, die Beiden fahren uns aber dann noch ein Stück entgegen. Für Bruno ist das Rennen nach 480 km zu Ende- Schade Bruno, wir zwei sind eigentlich ein ziemlich gutes Team, aber 2011 bist Du bestimmt wieder dabei.
Zum Abschied bekomme ich von Bruno noch sein Schutzblech fürs Hinterrad, bis Paris wird es Nässe von meiner Hose fernhalten und die Kollegen hinter mir vor Spritzwasser schützen.


So beschützt bin ich nun allein bei Wind und Wetter unterwegs, ohne Begleitfahrzeug, was mich nicht wirklich stört, habe ich sonst ja auch noch nie benötigt, dafür aber ohne einen Kollegen auf der Straße.

Einfach nur fahren…

Als nach ein paar Kilometern der Regen langsam nachlässt . kehrt auch mein Optimismus zurück. „Ab jetzt fahre ich für Bruno“, schießt es mir durch den Kopf und ich starte eine grandiose Aufholjagd, überhole etwa hundert Radler, sprenge mehrere Gruppen und bin kurz davor, gehörig zu überdrehen. Bis ich kurz vor Carhaix wieder das Gehirn einschalte, einen Gang rausnehme und in einer passablen Gruppe bis zur Kontrolle komme.
Hier bleibe ich nur ganz kurz, denn ich will einfach nur noch Rad fahren, vielleicht irgendwo die verlorene Zeit wieder hereinholen und versuchen noch im Hellen- so wie 2003- über die Brücke von Brest zu rollen.
Als mich 15 km hinter Carhaix ein Franzose überholt, hänge ich mich dran und wir schließen zu einer Gruppe auf. Bis zum Roc Trezevel hinauf läuft das Ganze recht gut , nach Brest hinab und hinauf fliegt die Gruppe aber auseinander und ich finde mich irgendwo in der Mitte mit drei weiteren Kollegen wieder, mit dabei Volker aus Lohne, ihm sollte ich noch öfter begegnen.
Aus Brest hinaus kommen uns auch bereits vereinzelte Fahrer entgegen, so viele sind es aber noch nicht, die Rekordgruppe haben wir während der Streckenteilung verpasst. Ich rechne nach und stelle fest, selbst die Spitzenleute sind ca. zwei Stunden langsamer als 2003 sind. Ja der Wind.

Die verdammte zweite Nacht

Diesmal haftet der Einfahrt in Brest auch nichts Magisches an wie bei meinem Debut 2003, der letzte Anstieg vor der Kontrolle geht mir einfach nur auf den Sack. Drinnen esse ich mich erstmal ordentlich satt, quasi auf Vorrat, denn beim nächsten Stopp in Carhaix wird es wohl zu voll zum Essen sein. Also massig Kalorien gebunkert und wieder rauf auf mein Cannondale. Die Überschuhe sind immer noch nass und inzwischen arg zerfleddert. Ich schmeiße sie in den Müll.
Wir sind zu viert auf dem Rückweg, aber obwohl die Anderen auch nicht gerade rasen, läuft es bei mir nicht rund. Der Körper ist o.k., Hintern, Beine und Arme sind durchaus gewillt, ihren Dienst zu verrichten, nur der Kopf, dieser widerspenstige Geselle will jetzt nicht mehr. Ich bin hundemüde, brauche doch eine Pause und bin froh als links eine Bushaltestelle samt Bank auftaucht.
Eine Familie aus dem Haus gegenüber macht mir Zeichen, dass ich wohl bei ihnen ein besseres Nachtlager haben könnte, aber wenn ich mich jetzt richtig bequem bette, wache ich wohl erst nach zehn Stunden auf. Die Holzbank in der Bushaltestelle ist zwar recht kurz, aber sonst nicht allzu übel- eine halbe Stunde Power-Schlaf und ich bin zumindest dahingehend wiederhergestellt, dass ich Richtung Carhaix aufbrechen kann. In Sizun dann ein nettes Erlebnis mitten in der finsteren Nacht- der örtliche Radsportclub hat einen überdachten Pavillon aufgestellt, darin Bänke und Stühle, und überall gefüllte Wasserflaschen für die durstigen Radler. Tolle Geste und ich fülle hier meine Trinkflaschen. Das lässt ahnen welche Stimmung auf der Strecke auch des Nachts herrschen könnte, ja wenn das Wetter nicht so mies wäre.
Die Menschenmassen, die 2003 die Strecke bevölkerten, haben es sich im Inneren ihrer Wohnungen bequem eingerichtet. Wer will es ihnen verdenken. Nur wenige Zuschauer trotzen den Bedingungen und stehen an der Strasse, um die Radfahrer anzufeuern.
Ich freue mich dann jedes Mal, in einem Dorf scheint ein gewisser Francois der große Held zu sein. Jedenfalls steht sein Name auf einem großen Plakat- als ich vorbeiradle, rufe ich laut „je suis Francois“- so haben wir wenigstens was zu lachen.
Richtig lustig ist das, was jetzt kommt, aber auch nicht, nachts um halb drei ganz allein den Roc Trezevel hinauf.
Umso größer meine Freude, als plötzlich Siggi hinter mir aus dem Dunklen auftaucht. Wegen meiner Trödelei und den Knieproblemen von Bruno hätte ich ihn viel weiter vorne erwartet. Umso besser, jetzt sind wir zu zweit und können ein wenig plaudern.


Ein Franzose ohne Rücklicht überholt uns, aber zwei Kilometer weiter hält ihn ein Streckenposten auf dem Motorrad an und er muss sein Licht reparieren. Aber die nächtliche Rundum- Kontrolle bietet auch Vorteile, etwa an gefährlichen Kreuzungen oder an Stellen, wo man sich leicht verfahren kann.
Um kurz nach vier sind wir endlich in Carhaix – vor dieser Kontrolle hatte ich den meisten Bammel. Zu voll, zu hektisch, so hätte es eigentlich sein müssen, aber nichts da. Es ist viel weniger los als befürchtet. Ich treffe Martin aus Darmstadt, mit dem ich bei Paffi den ganzen 600er zusammen gefahren bin. Er ist in der 84-Stunden-Gruppe erst am Dienstag morgen gestartet und er sagt, sie hätten massenweise Fahrer vom 90-Stunden-Start überholt. Das bedeutet, das das Hauptfeld quasi noch auf der Strecke zwischen Loudeac und Carhaix ist, auch gehen Gerüchte über eine große Anzahl von Aufgaben herum.
Nach einer kleinen Stärkung fahren Siggi und ich wieder in die dunkle Nacht hinaus, den unzähligen Lichtern entgegen.
Womit wir wieder bei der anfangs beschriebenen Szene sind.

 

Fast schlaflos unterwegs…

Als ich aus meinem Dämmerzustand mitten auf der Strasse erwache, netterweise ist die zweite Nacht auch die einzige beim diesjährigen Paris-Brest, die uns keinen Regen beschert, geht es immer noch recht schleppend weiter,- mit der Dämmerung kehren aber die ersten frischen Geister zurück.
Auch wenn ich Siggi in Corlay, dem Ort der Hinweg-Geheimkontrolle inmitten Dutzender Radler natürlich nicht mehr antreffe. Dafür entdecke ich aber eine chice Parkbank mit Blumen drum herum, die mich magisch zu einem letzten kurzen Nickerchen anzieht. Bei soviel Komfort kann ich natürlich nicht widerstehen und schlafe erneut ein Weilchen
Die ernüchternde Schlafbilanz einer obskur verbrachten Nacht zwischen Brest und Loudeac lautet- insgesamt ca. 60-90 Minuten Schlaf – mehr nicht – und dazwischen Phasen, die mit meinem ansonsten zügigen Radfahren nicht viel gemein hatten.
Alles in allem eine total nebulöse, unwirkliche Situation, hart an der Grenze des Zumutbaren, und auch jetzt im Nachhinein für mich nicht mehr so richtig zu rekonstruieren. Nachtfahrten haben, wenn´s gut läuft, eben ihren besonderen Charme, setzt sich aber erst mal die Müdigkeit durch, kann es gefährlich werden.
Ich Trottel hätte mir besser in Brest ein anständige Ruhepause gegönnt- das ganze Herumgeeiere war so viel stressiger und hat letztendlich mehr Energie gekostet.

Die Hölle des Westens

Aber dennoch, nach der dritten kurzen Schlafpause bin ich wieder fit.
Und diese neu gewonnene Frische wird jetzt auch gleich gefordert.
Denn hinter Corlay bis ins ca. 30 km entfernte Loudeac kommt der meiner Meinung nach härteste Abschnitt der ganzen Tour. Für uns dank Rückenwind allerdings nicht ganz so arg, aber für viele die in der Gegenrichtung nach Brest unterwegs sind.
Was am Nachmittag zuvor schon ein verdammt harter Ritt war, zeigt jetzt gnadenlos auf, was das „härteste Paris-Brest aller Zeiten“, wie es ein sechsfacher Teilnehmer hinterher im Ziel formulierte, bedeutet.
Der erfahrene Franzose habe „gelitten , wie er noch nie gelitten hat“ – hier bekomme ich eine Ahnung davon, was er meinte.
Die Anstiege von Treve, Merleac und St. Martin des Pres sind die Scharfrichter der 16. Austragung von Paris-Brest.
Vorne warten steile Rampen und ein fieser böiger Nordwest- Gegenwind, dazu im Hinterkopf das Zeitlimit und die drohende Schließzeit der Kontrollen in Carhaix und Brest.

Nicht alle kommen durch

Wo mir vor vier Jahren einzelne, versprengte Nachzügler entgegenkamen, mache ich ein riesiges Peloton aus- für einige sieht es hier in der Hölle des Westens nicht mehr gut aus. Kein runder Tritt mehr, bergab wird nur noch gerollt.
Das insgesamt knapp 1700 Teilnehmer nicht ins Ziel kamen, also aufgaben oder das Zeitlimit überschritten , die Hügel zwischen Loudeac und Corlay haben überdurchschnittlich dazu beigetragen.
Später spricht die Statistik von 365 Aufgaben allein auf diesem Teilstück- fast soviel wie in normalen Jahren auf der gesamten Distanz.
Aber diese extrem harten Bedingungen sind genau der Stoff, aus dem später Legenden entstehen, der Mythos, der Paris-Brest umgibt, wird so wohl noch verstärkt und irgendwann werde ich wohl als alter Rad-Rentner erzählen : „weißt Du noch, damals Paris-Brest 2007…“
Jetzt in Loudeac ein üppiges Frühstück und dann ab nach Paris.
Nie wieder Hungerast, mit diesem Vorsatz habe ich mich in Paris auf den Weg gemacht und so wird wieder einmal tüchtig aufgetischt.
Croissant mit Nudeln, na ja nicht jedermanns Geschmack, aber für mich als bekennender Kalorienjunkie durchaus eine kulinarische Option. Hauptsache der Speicher wird voll.
Das mich die letzte Nacht ganz schön mitgenommen hat, merke ich aber beim Kaffeetrinken. Es kann schon mal passieren, das man sich an einem ausländischen Buffet versehentlich Salz statt Zucker in die Kaffeetasse löffelt, schlimm wird es aber erst dadurch, das man die Brühe trinkt, ohne den Irrtum zu bemerken. Erst beim allerletzten Schluck fällt mir auf, das da doch wohl etwas nicht stimmt.
38 stunden quasi non- Stop- Radeln gehen sogar an den Geschmacksnerven nicht spurlos vorüber.
Sehen wir aber großzügig über den versalzenen Frühstückskaffee hinweg, denn raus aus Loudeac rollt es erstmals seit ungefähr 300 Kilometern wieder so richtig gut. Anständiger Rückenwind und voller Bauch ermöglichen ein zügiges Tempo, außerdem haben mir die Franzosen erzählt, dass es bis Paris sonnig bleibt.
Eine sympathische Notlüge, aber was sollen die Veranstalter machen, sie können den ohnehin erschöpften Fahrern ja nicht zurufen, dass es zwei Tage Dauerregen gibt, das Wasser in den Schuhen stehen wird und der Wind sich auf dem Rückweg dreht.
Aber selbst wenn, wer Mittwoch früh um zehn aus Loudeac herausrollt Richtung Paris, hat das Schlimmste hinter sich – das wird mir hier bewusst. Dank meiner 11.000 Trainingskilometer in diesem Jahr läuft es wieder einigermaßen flüssig. Die nächsten drei Kontrollen bis Villaines (etwa 230 Kilometer), die vor mir liegen, sind tagsüber, dazu mit teilweisem Rückenwind, gut zu bewältigen.

Nur noch 450 Kilometer…

Ich bin nun allein unterwegs, überhole ein paar Einzelfahrer und bin endlich wieder frohen Mutes. Auf jedes Tief folgt auf der Langstrecke unweigerlich ein Hoch. Es wird sogar noch besser, als hinter mir der Dänen-Express anrollt. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass das auch der Trupp ist, mit dem ich am nächsten Morgen in Paris einreiten werde. Ich frage die Dänen, ob ich mich bei ihnen einklinken darf.

Kein Problem, wenn du mitarbeitest, heißt es. Ihr System kommt mir absolut entgegen. Bergauf stetig, aber auf keinen Fall zu schnell, die Gruppe bleibt stets zusammen- bergab und im Flachen aber recht zügig, so wie ich es liebe. Und tatsächlich bis Tinteniac funktioniert unsere zehnköpfige Gruppe perfekt. Sechs Dänen, zwei Italiener ein Franzose und ich. Auch wenn die Dänen bei der Kontrolle dort arg trödeln, lohnt es sich auf jeden Fall, auf sie zu warten. Zu meiner Freude ist Siggi, den ich in den Müdigkeitswirrnissen des Morgengrauens verloren glaubte, auch wieder mit dabei.

Er hat Probleme mit dem Fuß, der mal gebrochen war. Er bekommt keinen Druck mehr aufs Pedal, kann nicht mehr so schnell wie sonst fahren. Irgendwo auf der Strecke nach Fougeres ist er dann plötzlich nicht mehr in unserer Gruppe.

Kurz vor Fougeres verliert die Gruppe allerdings ihren brillanten Rhythmus. Das liegt an etwa zwei Dutzend Franzosen, die wir unterwegs nach und nach eingesammelt haben. Während wir vorne in Zweierreihen abwechselnd Tempo machen, sabotieren die Franzosen die Führungsarbeit geradezu. Mal fährt nur einer zickzack vorne herum und wenn es zwei sind, nehmen sie die Beine hoch und fangen an zu quatschen. Ich bin nur noch am Bremsen und muss höllisch acht geben, dass ich meinem Vordermann nicht ins Rad fahre.

So macht das keinen Spaß mehr, zumal das Stück bis Fougeres eigentlich ideal für eine schnelle Gruppe ist.
Nach der Kontrolle in Fougeres, wo wir erstmal ausgiebig tafeln, geht das leider so ähnlich weiter. Irgendwann haben wir wieder alle Franzosen, die kürzer pausiert haben, eingeholt, und die Trödelei beginnt erneut. Entweder verstehen sie nicht, dass eigentlich alle von regelmäßig abwechselnder Führungsarbeit profitieren oder sie wollen es einfach nicht. Mit dabei auch der lange Pierre aus Villaines, wir freuen uns beide riesig uns wiederzutreffen. Schließlich haben wir uns vier Jahre nicht gesehen.

2003 bin ich mit ihm und seinem Kollegen die letzten 200 km nach Paris zusammen gefahren, es gibt sogar noch ein schönes Foto, auf dem wir gemeinsam in den letzten Kreisverkehr einbiegen. Er sagt mir, dass es für ihn ziemlich hart sei und er schon am Limit fahre.

Wahnsinn – Attacken bei Kilometer 980

In Richtung Villaines wird das Terrain jetzt hügeliger und jetzt zeigt sich erst, was die Dänen so alles auf Lager haben. Ihr inoffizieller Anführer ist Stig Lundgaard, mit sagenhaften 22 gefahrenen Brevets über 1200 km konkurrenzloser Weltrekordler in dieser Disziplin. Wenn einer Erfahrung auf langen Strecken hat, dann er.

Was mir zunächst völlig irrsinnig erscheint, erweist sich aber im Nachhinein als genialer Schachzug. Um wieder Zug in die Gruppe zu bringen, wollen die Dänen am Berg attackieren und die Franzosen abhängen. Langsam rollen wir alle nach vorne, ein Kommando auf Dänisch, gut dass ich eingeweiht bin, drei, vier Gänge hoch geschaltet und mit 30 geht es bergauf.

Ein Blick nach hinten, etwa 200 Meter zurück die Franzosen. Oben auf der Kuppe spannt Stig sich vor den Zug und mit 60 geht es hinab. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass bei Kilometer 980 attackiert wird, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber es klappt, die Franzosen sehen wir erst wieder, als wir nach einem kurzen Fünf-Minuten-Halt aus Villaines wieder herausfahren und sie gerade ankommen.

Was Brest für die ganze Tour, nämlich der Wendepunkt, das ist Villaines für den Rückweg, die magische 1.000 km -Marke ist geknackt. Erstmals wird die noch zu absolvierende Distanz überschaubar – nur noch 230km – ein Marathon, mehr nicht.
Es ist erst halb neun, wir können noch ein Stündchen im Hellen vorwärts kommen, und auch wenn die Anstiege nicht mehr so locker wegzustecken sind- morgen früh sind wir in Paris. Dazu ist es trocken und wir schaffen es tatsächlich in flotten dreieinhalb Stunden gegen Mitternacht Mortagne zu erreichen.

Hier wird natürlich erst mal ordentlich gefuttert, das Buffet ist gigantisch, wir haben die Qual der Wahl- Spagetti Bolognese, Salat und ein göttlicher Rosinenpudding.

Allerdings klappt das mit dem Bezahlen nicht so richtig, der netten Dame an der Kasse wird von einem Experten zunächst ausführlichst die Funktionsweise der einzelnen Tasten an der Registrierkasse erklärt. Mein Essen wird langsam kalt, außerdem bin ich hungrig wie ein Bär, also lege ich einfach einen Geldschein hin und setzte mich an den Tisch.

Passt schon. Während wir drinnen fürstlich speisen, haben sich draußen die Witterungsbedingungen nachteilig entwickelt.
Als wir satt und zufrieden zu unseren Rädern kommen, regnet es unaufhörlich. Ruckzuck ist die Moral wieder gesunken, gut dass ich noch nicht weiß, das es bis Paris pausenlos regnen wird. Dazu kommt, das die vorletzte Etappe auch schon vor vier Jahren die Übelste der ganzen Strecke war.

Eine Nacht am Limit

Für einen Schlussspurt bis Paris ist es zu früh, hell wird es auch noch lange nicht, und die ersten zwei Stunden aus Mortagne heraus sind vom Profil sehr heftig. Merkwürdigerweise geht es jetzt bergauf ganz gut, dank Kompaktkurbel, die inzwischen als Verlängerung meiner Füße sozusagen schon Teil meines Körpers ist, kann ich bis Paris alles auf dem großen Blatt wegdrücken, und wenn mal ein Loch entsteht, fahre ich es sofort zu. Die Beine machen keine Probleme, aber der Regen erfordert Schwerstarbeit vom Kopf- bei den schnellen Abfahrten ist allerhöchste Konzentration angesagt. Da die Bremsen nach Hunderten Kilometern auf nassen Straßen nur noch teilweise greifen, würde jeder Fahrfehler gnadenlos bestraft.

Als Brillenträger wird mir durch die Tropfen auf den Gläsern die Sicht erschwert und auch meine 90 Kilo machen den Bremsweg nicht kürzer. Ich begreife, dass das, was hier passiert, einer absoluten Extremsituation gleicht. So bin ich noch nie im Leben gefahren und so werde ich auch wohl nie wieder auf dem Rad sitzen. Radsport am Limit, Kilometer abreißen in Trance, wie an einer Kette gezogen, sausen wir hinab, fliegt der erste, dann fliegen alle.
Eigentlich absoluter Wahnsinn nach einer solchen Mammutdistanz noch so zu brettern- aber eine Alternative gibt es nicht, will ich nicht mutterseelenallein durch die finstere und verregnete Nacht fahren.

Die Dänen wollen jetzt nämlich die magische 60-Stunden-Marke unterbieten. Vor dem Start hatte ich mir das auch vorgenommen, aber angesichts der Bedingungen am Dienstag und der anschließenden verlotterten Nacht hat mich das nicht mehr so besonders interessiert.

Beim diesjährigen Paris-Brest haben fast alle Teilnehmer ihre Zeitvorstellungen nach und nach korrigieren müssen- nach unten.
Die Dänen werden dagegen immer schneller- auf dem langen Flachstück vor Dreux fahren sie ein Höllentempo, unser Peloton ist jetzt zweigeteilt. Fünf Dänen und Tony der Schwede bolzen an der Spitze – hinten sind wir zu viert und bleiben nur noch dran, was manchmal schwer genug ist. Kurz vor Dreux, dann eine Schrecksekunde, als mein Vorderlicht kurz ausgeht, ist aber nur ein Wackelkontakt. Das würde mir jetzt noch fehlen, denn die zweite Lampe vorne habe ich unmittelbar nach der Kontrolle am Start wieder abgeschraubt, um unnötigen Ballast zu vermeiden.

Beim nächsten Mal werde ich mir aber auf jeden Fall den Luxus einer zweiten Lampe leisten- auch zwei Rücklichter kommen dann ans Rad. Hat den Vorteil, dass man wegen des kaputten Lichtes dann nicht extra anhalten muss.

Als wir kurz vor fünf die riesige Kontrollhalle von Dreux verlassen, bleiben also noch knapp über drei Stunden um rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Und was machen die Dänen jetzt- sie werden noch schneller, hinterher sehe ich auf meinem Tacho, dass der Schnitt seit Loudeac konstant bei knapp unter 26 geblieben ist.

Auf dem letzten Teilstück überholen wir etwa fünfzig Fahrer, vor allem an den Anstiegen lassen wir sie einfach stehen. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wo nach 1.200 harten Kilometern die Kraft herkommt. Später bemerke, dass sich meine Platten für die Look-Pedalen bei dem ständigen Druck total verzogen haben, ich kann sie kaum losschrauben.

Als wir um Punkt sieben nur noch 13 Kilometer bis ins Ziel haben- ist es geschafft, die letzten, die ätzenden Kilometer durch die Vororte mit Ampeln und Berufsverkehr können so mit der gebotenen Vorsicht gemeistert werden.

Als wir in den letzten Kreisverkehr am Ziel einbiegen, stehen dort sogar drei hartgesottene Zuschauer mit Regenschirm und applaudieren- immerhin, aber kein Vergleich zu den Massen, die dort am Freitag die Heimkehrenden begrüßen.

Es ist Donnerstag morgen- nach exakt 59:39 Stunden ist das 16. Paris-Brest-Paris für uns beendet. Es war weitaus härter als erwartet, aber ich habe es ohne große Blessuren überstanden. Dank Kompaktkurbel, doppeltem Lenkerband und trockener Ersatzhosen konnten Schäden an Knie, Händen und Hinterteil vermieden werden. Mit dem Dänen-Express hatte ich zudem das Vergnügen mit dem erlesensten Trupp meiner Radkarriere- und ich war schon mit richtig guten Leuten unterwegs- die letzten 450 Kilometer absolvieren zu dürfen.

Dank an Stig, Henrik, Jens, Per, Fynn und Tony. Auf das wohlverdiente Zielbier müssen wir leider verzichten, der Ausschank an der Halle ist noch geschlossen.

Gottlob war mein Hotel nur einen km vom Ziel entfernt, mehr hätte ich meinem vor Dreck starrendem Rad auch nicht mehr zumuten dürfen und so konnte ich nach ausgiebigem Schlaf noch einen schönen Donnerstagabend und Freitag in St. Quentin genießen.

„Jedes Paris-Brest ist anders“, der Spruch des alten Schweden trifft es auf den Kopf. Wahrscheinlich wird uns 2011 eine Hitzewelle bis dahin unbekannten Ausmaßes heimsuchen, uns bei 40 Grad bei lebendigem Leib braten und den Asphalt unter den Reifen schmelzen lassen.

Aber was soll´s- ich freue mich schon auf das 17. Paris-Brest in vier Jahren und bin sicher – auch das werden wir hinkriegen.

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