ParisBrestParis 2003

Die Elenden von Nogent Le Roi –
oder der Vielfraß von Villaines- La-Juhel

PARIS – BREST- PARIS 2003 – Ein Drama in 61 Stunden

Von Roger Krenz

Da sitze ich nun am Straßenrand in Ambrieres, irgendwo zwischen Fougeres (914 km) und Villaines (1002 km) und kriege das eklige Zeug einfach nicht runter. Dabei habe ich nach den Erfahrungen der Brevets Power-Bars und Fruchtschnitten bunt gemischt, sogar ein paar Riegel an den Rahmen geklebt.
Nur , es wirkt nicht, der Geschmack erscheint mir geradezu abscheulich, kauen und schlucken lösen fast einen Brechreiz aus.

Nein – „essen wie Gott in Frankreich“, hatte ich mir anders vorgestellt.
Selbst das steinharte Baguette mit Bananen-Riegel, das ich in meiner Not im letzten Jahr bei Bordeaux-Paris verschlungen hatte, erschien mir im Nachhinein als wahre Delikatesse.
Während ich von saftigen Steaks und riesigen Tellern Spaghetti träume, kommen ein paar einzelne Fahrer und sogar eine Gruppe vorbei. Es sieht aus, als arbeiten die Kollegen recht passabel zusammen.
Ich verschwende keinen Gedanken daran mitzufahren. Stattdessen würge ich an Riegel Nr. 14 – Fensterkitt oder Zahnpasta hätten nicht schlechter geschmeckt.
Als ich wieder auf dem Rad sitze, ist der Schwung weg. Paris-Brest-Paris bestraft jeden noch so kleinen Fehler. Anstatt mich bei den Kontrollen in Tinteniac (859 km) und Fougeres (914 km) anständig zu ernähren, habe ich jeweils nur ein pappiges Baguette-Sandwich gegessen. Die letzte ordentliche Mahlzeit war in Loudeac (773 km) – das war am Morgen und ist auch schon 200 Kilometer her.
Zu wenig, wie ich jetzt bemerke, der Akku ist ziemlich leer und ich habe Angst, mir mit einem totalen Hungerast die letzten 250 Kilometer bis Paris zu verderben. Nur noch 250, denke ich, denn bis hierher hat alles prima geklappt.
Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht , wie nah die Rettung ist, in Gestalt einer netten französischen Familie, die den schönen Sommertag dazu nutzt, ein Picknick am Flussufer abzuhalten.
Ich habe noch nie in meinem Leben um Essen gebettelt, und werde hoffentlich nie wieder darauf angewiesen sein. Aber jetzt ist es soweit. Für ein freundliches „manger- si vous plaiz“ reichen sogar meine kargen Sprachkenntnisse aus.
Hier an der Grenze zwischen der Bretagne und der Normandie hat man als Teilnehmer von Paris-Brest bei den Einheimischen einen Stein im Brett. Mit Fanta und Leberwurst-Broten päppelt mich die nette Familie auf. Auch von dieser Stelle noch mal herzlichen Dank.

Es geht wieder, und als ich nach 30 km auf und ab, die dank der Stärkung wesentlich leichter zu fahren sind, in Villaines- la- Juhel einrolle, haben mich der Mythos und die Euphorie, die von diesem gigantischen Radrennen ausgehen, wieder voll im Griff. Es wird gerade dunkel in Villaines, als wir zur Kontrolle herunterrollen, der halbe Ort steht applaudierend Spalier. Als ich vom Rad steige, nimmt ein Helfer mein Rad und stellt es ab. Ein zweiter weist mir den Weg zur Kontrolle, ein dritter deutet auf das nahegelegene Restaurant. Genau 1000 Kilometer sind vergangen und ich fühle mich wieder wie ein Fürst. Erst recht, nachdem ich für 15 Euro Nudeln, Würstchen, Salat, Brot, Joghurt, Pudding und Kuchen in mich hineingestopft habe. Der Speicher für die allerletzte Nachtfahrt ist prall gefüllt. Nur noch 223 Kilometer, nur noch eine Nacht, ein normaler Marathon, das große Ziel ist nah – FRÜHSTÜCK IN PARIS

Paris, die magische Stadt- hier sind wir 50 Stunden vorher gestartet. Zwar hat die Retortenstadt St. Quentin rein gar nichts vom Pariser Flair, aber die etwa 1.000 Radfahrer in der ersten Startgruppe stört dies in diesem Moment nicht.
Es ist kurz vor acht an diesem 18. August- nur noch wenige Minuten bis zum Start.
Paris- Brest, hier zwischen Fahrern aus allen Ländern, spüre ich die Faszination, die von diesem Rennen ausgeht, und die sich seit Tagen in St. Quentin wie eine immer größer werdende Welle angekündigt hat.
Jetzt bin ich, der Sonntagsfahrer aus Dortmund, ein Teil dieser gigantischen Welle von Radfahrern aller Herren Länder. Die erfahrenen Franzosen, dies seit vier Jahren auf diesen Tag gewartet haben und wir, die Anfänger, die Novizen des Radfahrerkults, die wir irgendwann mal von der 1.225 Kilometer langen Legende gehört haben.
Sozusagen mittendrin statt nur dabei- die Strapazen der Brevets, als wir im strömenden Regen wie die Pfadfinder durchs Bergische Land irrten, der 600 km Horrortrip mit zwei Nachtfahrten und Stürzen bei der Abfahrt – alles ist in diesen Augenblicken verblasst.
Im nachhinein war alles gut so, denn sonst wäre ich nicht hier.
Um mich herum Japaner, Russen mit Trikots vom Ural-Marathon, weiß der Teufel auf welchen Straßen sie dort fahren, Griechen, Dänen, Schweden – selbst einen Kollegen aus Uruguay treffe ich.

Endlich lässt man uns raus, aber kurz vor mir dann eine neue Sperre. Die Veranstalter haben sich entschlossen, die 20 Uhr-Gruppe zu teilen. Ich bin in der zweiten Gruppe, aber als sich am Start eine Lücke auftut, stelle ich mich in die erste Reihe. Fotografen und sogar ein TV-Team wuseln um uns herum, bis um 20.15 der Startschuss fällt.
Bei Paris-Brest in der ersten Reihe starten- das fängt ja gut an, denke ich. Zunächst geht es ruhig los, denn vor uns fährt ein Wagen der Veranstalter, der nicht überholt werden darf. Nach 15 Kilometern dann freie Fahrt, die jäh gebremst wird, als wir nach der ersten Abfahrt einen Ambulanzwagen mit Blaulicht sehen. Für den ersten Fahrer, der blutet und eine Halskrause trägt, ist Paris-Brest früh beendet.
An der ersten Kopfsteinpflasterpassage bei Km 30 fliegen dann reihenweise Trinkflaschen, Luftpumpen, Rücklichter und sogar eine Satteltasche durch die Gegend.
Meine Ausrüstung hat den ersten Härtetest bestanden, war aber auch nicht anders zu erwarten. Da ich mir keine schweren Taschen ans Rad hängen wollte und auch keinen Rucksack tragen will, habe ich nur das nötigste in den Trikottaschen (Arm- und Beinlinge, Regenjacke für die kalten Nächte, Ersatzhose und Leuchtweste). In zwei zusätzlichen Trinkflaschen habe ich Energie-Gel, Ersatzbatterien, Zahnbürste, Handy und Hygiene-Tücher.
Ist zwar extrem wenig, aber ich vertraue auf mein Cannondale-Rad und darauf, daß es bei den Kontrollen, falls nötig, genug Ersatzteile gibt.
Im Vergleich zu den Fahrern, die ein Begleitfahrzug haben oder den Radlern mit den Riesenpacktaschen ist das zwar spartanisch, aber bei der Mammutdistanz möchte ich einfach nicht zuviel Ballast mitschleppen.

Sorgen macht mir zu diesem Zeitpunkt eher die Tatsache, dass ich die Strecke in 80 Stunden schaffen muß. Bei der Anmeldung hatte ich das in meinem Leichtsinn so angekreuzt, aber nach den vielen Gesprächen in den Tagen vor dem Start bin ich mir nicht mehr so sicher. Vor allem die vielen Hügel können einen mürbe machen, so die Meinung der erfahrenen PBP- Randonneure.
Außerdem komme ich mir mit nur 8.000 Trainingskilometern in den Beinen vor wie ein armer Wicht. Für meine Verhältnisse ist das schon extrem viel, mehr geht wegen Kind und Job nicht, aber die anderen haben schon 12- 15 oder gar 20.000 Kilometer auf dem Buckel.

Inzwischen ist es stockdunkel, ich fahre in einer Gruppe von ca. 50 Fahrern und das Tempo ist eigentlich viel zu hoch. Das klassische Langstrecken-Dilemma- in einer guten Gruppe mitfahren, schnell vorankommen, aber dafür später vielleicht bitter büßen oder abreißen lassen, den eigenen Rhythmus finden, aber als Einzelkämpfer viel Kraft aufwenden.
Noch sind die Energiespeicher randvoll, also rolle ich mit. Anfangs mit ein paar Deutschen, vor allem der Berliner mit dem Mountain-Bike sollte mir noch öfter begegnen, dann wieder mit Dänen, Spaniern und natürlich Franzosen.
Geredet wird nicht viel, aber dafür genieße ich die Atmosphäre. Im Höllentempo durch die dunkle Nacht, in den Dörfern überall Leute am Strassenrand, die uns anfeuern. Man spürt bei jeder Ortsdurchfahrt – Paris – Brest ist für diesen Teil Frankreichs ein grandioses Sportereignis.
Was für eine Unterschied zu meinen Trainingsfahrten nach Berlin nachts bei Nieselregen und Gegenwind durch Sachsen-Anhalt.
Auf den ruhigen Nebenstraßen fahren kaum Autos und als wir eine Rue National kreuzen, haben wir freie Fahrt, weil Streckenposten die Lastwagen anhalten.
Bei der Verpflegung in Mortagne (km 141) fahre ich durch und bei Kilometer 223 in Villaines habe ich fast einen 30 er Schnitt auf dem Tacho.

Sowas kann nicht gutgehen, zumal es hier nichts Richtiges zu Essen gibt. Nach zwei Milchbrötchen fahre ich weiter. Ich Trottel habe im Dunklen nicht mitgekriegt, daß sich das Restaurant auf der anderen Straßenseite befindet. Dumm gelaufen, erst recht als mir bei einem etwas heftigeren Anstieg die ganze Gruppe wegfährt.
Genau die Situation, die ich eigentlich vermeiden wollte. Allein im Dunklen unterwegs- erst jetzt wird mir bewusst, dass meine Vorder-Beleuchtung nicht ganz optimal ist. Bei einer kurvigen Abfahrt muss ich ständig bremsen, weil ich die Strasse nicht mehr sehe.
Gott sei dank wird es bald hell und auf den letzten Kilometern vor Fougeres (311 km) finde ich Anschluss an eine Gruppe.
Im Speisesaal treffe ich Siggi aus Köln, er hatte bereits drei Plattfüße hinter sich. Dabei hatte er von der reinen Fahrzeit her zwei Stunden weniger auf dem Tacho als ich. Er muss wie ein Teufel gefahren sein.
Nach einem reichhaltigen Frühstück fühle ich mich saugut, die erste Nacht ohne Probleme überstanden, morgens um acht bereits die erste Hälfte des Hinwegs absolviert, lockere Beine, keine Müdigkeit und ganz wichtig- es ist nicht zu warm.
Bis Tinteniac (366 km) geht es richtig flott mit ein paar Dänen. Es ist kaum zu glauben, was hier für Gestalten unterwegs sind. Der älteste der Dänen, der genau vor mir fährt, sieht mit seinen tätowierten Waden nicht nur aus wie der Ex-Präsident der Hells Angels, dem der Richter zur Resozialisation das Radfahren verordnet hat, sondern er fährt auch so.
Kein Wunder, dass wir von Fougeres nach Tinteniac keine zwei Stunden brauchen. Ich bin jetzt schon vier Stunden vor meinem optimistischsten Zeitplan.
Kurz vor Tinteniac eine Schrecksekunde- mir platzt bei 40 Sachen auf der Abfahrt in einer Kurve der Vorderreifen. Glücklicherweise kriege ich mein Rad noch vor dem Weidezaun zu stehen.
Grandios dann die Hilfsbereitschaft dreier französischer Hobbyfahrer aus St. Malo, die wie viele andere Radfahrer der Region den PBP- Startern entgegengeradelt sind.
Ich habe gerade den neuen Schlauch aus der Werkzeugtasche gepfriemelt, da haben die netten Helfer schon das Rad ausgebaut und den Schlauch rausgeholt. Der dritte steht bereits mit der Pumpe im Anschlag. Merci beaucoup!

So kann ich in Tinteniac, als ich aus der Kontrolle komme, gerade noch sehen, wie die Dänen vom Hof fahren. Also Kette rechts und hinterher. Als ich nach fünf Kilometern keuchend zu ihnen aufschließe, fährt ein Däne rechts ran zum Pinkeln und der ganze Trupp trödelt langsam weiter. Diese Aufholjagd hätte ich mit besser erspart, denn als es kurz danach den Hügel von Becherel hinaufgeht, muss ich sowieso abreißen lassen.

Aus Frust stoppe ich an einer Bäckerei und esse das leckerste Schokoladen-Eclair aller Zeiten. Ich freue mich schon auf den Rückweg und fahre nun alleine weiter. Ich merke, dass mir das richtig gut tut. Kein allzu hohes Tempo- ich regeneriere beim Fahren und werde wieder so fit, das ich bis Loudeac (452 km) in einer schnellen Gruppe mithalten kann.

Loudeac ist ein ganz besonderer Ort – auf dem Hinweg hat man hier etwa das erste Drittel der Gesamtdistanz hinter sich, auf dem Rückweg dann das zweite.
Einige von den Amerikanern aus dem Hotel wollten hier zweimal übernachten.
In der ganzen Stadt wimmelt es nur so von Begleitfahrzeugen, denn hier ist der optimale Ort für Massage, Trikotwechsel oder ein kurzes Nickerchen.
Aber es ist erst 14 Uhr – ich hatte mir vorgenommen auf dem Hinweg auf jeden Fall bis Carhaix (529 km) zu fahren, um dort eventuell zu schlafen.

Das ist locker zu schaffen, obwohl die Strecke hinter Loudeac anspruchsvoller wird – zwar ging es bisher auch immer rauf und runter, aber nun kommen mir die Hügel steiler vor. Das Stück bis zur Geheimkontrolle in Corlay ist deshalb besonders heftig (dachte ich zumindest, denn eigentlich sollte es bis Brest kaum besser werden).
Hier fällt mir ein Trupp Franzosen auf- ein Schnauzbart mit Piratentuch und Trillerpfeife hat seine Truppe fest im Griff. Ein Pfiff, dann brüllt er- Abfahrt in zwei Minuten. Nach zwei Minuten ein weiterer Pfiff und schon sind sie wieder unterwegs.
Bei Paris-Brest, so hatte ich vorher gehört, kann man viel Zeit bei den Kontrollen verlieren. In Carhaix halte ich mich nur kurz auf. Kontrolle, Wasser kaufen und ein paar Kleinigkeiten essen.
Überhaupt ist es an den Kontrollen bisher immer ziemlich leer gewesen, beim Karten einlesen sind die Leute anscheinend froh, wenn jemand vorbeikommt. Auch beim Essen keine Schlangen und prompte Bedienung, ein Riesenlob an die Organisatoren. Vielleicht aber auch ein Indiz dafür, dass ich weiter vorne fahre, als ich gedacht hatte. Denn bisher haben mich erst zwei Fahrer aus der 90-Stunden Startgruppe überholt. Kann man im Hellen ganz gut an den andersfarbigen Startnummern erkennen.

Außerhalb von Carhaix dann ein Erlebnis der besonderen Art. Während ich mich im kleinsten Gang bergauf quäle, saust ein Pulk von etwa 30 Fahrern mit einem Höllentempo bergab. Es ist die Rekordgruppe bereits auf dem Rückweg nach Paris.
Schön dass man die schnellen Jungs wenigstens einmal gesehen hat, das kann ich meinen Enkeln noch erzählen. Ich habe bescheidenere Ziele, z.B. noch bei Tageslicht in Brest (615 km) ankommen. Vorher wartet aber noch der Roc Trezevel, über den ich im Vorfeld viel schlimmes gehört und gelesen hatte. Alles halb so wild, denn wenn man weiß, dass es jetzt ein paar Kilometer nicht zu steil bergauf geht, kann sich der Kopf drauf einstellen.
Weitaus übler erscheint mir das letzte Stück vor Brest. Hier habe ich gelernt, den Begriff „Meereshöhe“ in seiner richtigen Bedeutung zu erfassen. Irgendwie haben die Franzosen den Landstrich so umgebaut, dass man, um ans Meer zu kommen, ständig bergauf fährt.
O.K.- vielleicht geraten nach 26 Stunden auf dem Rad so Sachen wie „Rauf“ und „Runter“ ein wenig durcheinander.

Dann der absolute Höhepunkt an diesem Dienstag – die imposante Brücke, dahinter die Kulisse von Brest.
Wie oft habe ich in den letzten Monaten an diese Stadt gedacht, deren Name mir auf teilweise reichlich obskuren Nachtfahrten nicht aus den Kopf ging. Brest – fünf Buchstaben nur, aber bei Paris-Brest der entscheidende Punkt. Auch wenn es noch 613 kräftezehrende Kilometer sind- es geht nur noch zurück.
Die ohnehin gute Laune, die mich seit dem Start begleitet hat, steigert sich, denn ich hätte niemals erwartet, hier bereits beim letzten Tageslicht anzukommen.
Theoretisch bleiben mir jetzt noch 54 Stunden für den Rückweg.
Als ich zu Hause anrufe, wissen sie schon von meiner Ankunft in Brest. Das Erfassungssystem und die Weitergabe ins Internet scheinen perfekt zu funktionieren.
Laut Kontrolleur bin ich an Position 444- nicht schlecht denke ich und freue mich, als ich den Präsidenten der dänischen Hells Angels im Speisesaal erblicke.
Er sitzt dort frisch geduscht im Trainingsanzug und trinkt sein zweites Bier.
Aber bei Paris-Brest liegen Freud und Leid dicht beieinander. Beim Essen sitzt ein Franzose an meinem Tisch, mit Tränen in den Augen. Er war nach 23 Stunden in Brest, muss aber wegen Knieschmerzen aufgeben und morgen mit dem TGV heimfahren.
Jahrelanges Training, die harten Brevets, soviel Zeit, Geld und Energie- ich weiß nicht, wie ich ihn trösten sollte.

Ich selbst brauche jetzt doch wohl eine Pause, ich könnte zwar noch ein Stück fahren, aber zwischen Carhaix und Brest habe ich keine einladenden Stellen entdecken können.
Ich bin erst zweimal im Leben mehr als 600 Kilometer gefahren und war danach jeweils völlig platt. Hier aber markiert diese Distanz erst die Hälfte, also heißt es ausruhen und Kraft für den Rückweg tanken.
Weil ich auf den Schlafsaal keine Lust habe, lege ich mich draußen auf die Wiese, um zu schlafen. Nach dreissig Sekunden friere ich wie ein Schneider und gehe wieder rein. Am Rand des Speisesaals finde ich eine Matte, wo ich augenblicklich einschlafe.
Zweieinhalb Stunden später wache ich auf und fühle mich wie gerädert. Vor allem die Füße tun mir weh, weil ich vergessen hatte, die Radschuhe auszuziehen. Wie auf Eiern schleiche ich zum Frühstücksbuffet.

Als ich um zwei wieder auf dem Rad sitze, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass ich wieder fit bin. So allein, wie ich nach Brest reinfuhr, radle ich wieder hinaus, immer im gleichen monotonen Rhythmus durch die einsame Nacht.
Bis zum Roc Trezevel überholen mich nur zwei Fahrer- ich mache keine Anstalten mitzufahren. Ich habe mir vorgenommen, weiter möglichst kraftsparend zu fahren. Nicht mit schnellen Gruppen mitgehen, keine Löcher
zufahren, möglichst kleine Gänge. Der Körper hat jetzt vollkommen auf Fettverbrennung umgeschaltet, angeblich verbraucht man bei Paris – Brest bis zu 50.000 Kalorien. Da es unmöglich ist, soviel zu essen, muss der Körper zusätzlich auf die eigenen Fettreserven zurückgreifen.
Ich habe diese Fettverbrennung im Vorfeld systematisch trainiert und dabei gemerkt, dass ich trotz relativ vieler Trainingskilometer seit Monaten nicht schneller geworden bin. Dafür wird die Regenerationszeit nach Belastungen immer kürzer. Inzwischen habe ich sogar das Gefühl, mich beim Fahren zu erholen.
Um die entönige Fahrweise in der finsteren Nacht etwas zu mildern, zähle ich die mir entgegenkommenden Lichter. Bis zur Gabelung hinter dem Roc Trezevel sind es fast 400. Ich bin froh, dass die Strecke jetzt bis kurz vor Carhaix (696 km) geteilt ist. Denn so können wir, das sind außer mir noch fünf Franzosen, die plötzlich wie aus dem Nichts hinter mir auftauchen, bei der Abfahrt auf der Hauptstrasse recht schnell fahren. Auf der kurvigen Strecke des Hinwegs hätte es nachts bei der Abfahrt sicher Probleme mit entgegenkommenden Fahrern gegeben.

In Carhaix treffe ich Paris-Brest-Veteran Claus Czychol, der mir vor dem Start gute Tipps gegeben hat, und ein paar Amis aus dem Hotel- ansonsten ist es mir hier viel zu voll. Dank der schnellen Gruppe der ersten Nacht bin ich in dieser Hinsicht verwöhnt. Für das Frühstück muß ich eine Viertel Stunde anstehen, auch vor der Toilette lange Schlangen, genau was mir alle im Vorfeld geschildert haben- ich mache, dass ich schnell weiterkomme.

Die nächsten 50-60 Kilometer sind ein unvergessliches Highlight, die Berge sind längst nicht mehr so steil wie auf der Hinfahrt, die aufgehende Morgensonne taucht die Landschaft in ein mildes, warmes Licht.
Wenn man Zeit hätte, könnte man poetisch werden und Gedichte verfassen über all diese malerischen sanften Hügel der Bretagne.
Einen nach dem anderen fahren wir sie rauf, eine zehnköpfige Gruppe, außer mir alles französische Routiniers, die die Strecke kennen, und ein extrem gleichmäßiges Tempo fahren. Wenn es vorn einen Hauch zu schnell wird, kommt von hinten ein kurzer Pfiff, der Führende fährt etwa 1 km/h langsamer und weiter rollt der Zug. Grandios, ich genieße einfach nur, vor allem das Schauspiel in der Gegenrichtung.
Ganze Hundertschaften sind es inzwischen, die uns aus Loudeac (773 km) entgegenkommen, und die – im Gegensatz zu uns-, das meiste noch vor sich haben.
Klar, dass das eine zusätzliche Motivation ist. Bis zur Kontrolle in Loudeac geht das so, und selbst kurz danach gibt es noch vereinzelte Fahrer, die auf der Hinfahrt sind.

Nach Loudeac fahre ich wieder allein, die französischen Altmeister sind entweder weg oder lassen sich noch im Begleitfahrzeug massieren.
Ein wahnsinniger Franzose überholt mich, ich versuche mich dranzuhängen, aber der ballert mit 40 Sachen durch die Flachstücke, ich muss fast kotzen, lasse abreißen und frage mich, warum der Typ nicht schon seit Stunden in Paris ist.
Bei der Geheimkontrolle kommen plötzlich die Dänen und Schweden, die ich beim Start in Paris traf. Sie fahren nach einem ausgetüftelten Plan und wollen unter 60 Stunden zu bleiben. Mit dabei auch Andreas Horscht, den ich für einen der stärksten Fahrer halte, die ich je gesehen habe.
Mir wird etwas mulmig, als mir klar wird, dass all diese Cracks bisher hinter mir waren.
Mit Hans, dem Chef der Dänen und Schweden, mache ich ab, dass ich mit ihnen weiterfahre. Einer der Schweden fährt bärenstark – wenn er vorne ist, habe ich Schwierigkeiten dranzubleiben. Die drei Dänen und drei Schweden sind ein eingespieltes Team, wechseln sich regelmäßig bei der Führungsarbeit ab.
Mir und einem Italiener ist klar, daß wir nicht bis Paris am Hinterrad der Skandinavier lutschen können, und so fahren wir ab und zu auch vorn im Wind.
In Tinteniac (859 km) hat Hans der Gruppe fünf Minuten Pause verordnet, ich flitze zur Kontrolle, kaufe Wasser und schlinge gleichzeitig ein Sandwich herunter.
Als wir vom Hof rollen, warten die Schweden bereits ungeduldig. Ein Begleitfahrzeug hat sie bestens mit Getränken, Broten und Energie-Riegeln versorgt.
Mir schwant, dass das Fahren in solch einer Gruppe auf Dauer ein unlauterer Wettbewerb ist, denn bei den kurzen Pausen ist eine anständige Verpflegung unmöglich.
Aber noch habe ich Spaß, denn das Teilstück nach Fougeres (914 km) ist das einfachste der ganzen Strecke. Es rollt, und wenn es so weitergeht, ist eine Zeit unter 60 Stunden drin. Ich fahre mich fast in einen Rausch- Paris-Brest-Paris in 58 oder 59 Stunden, das wäre der reine Wahnsinn. Vor lauter Euphorie merke ich gar nicht, dass ich dabei bin gewaltig zu überdrehen, denn es sind erst drei Viertel der Strecke geschafft, noch warten ein halber Tag und eine ganze Nacht.
Es wird heißer, ich esse zu wenig und schwitze zu viel. Kurz vor Fougeres muss ich immer öfter aus dem Sattel, weil es in meiner Hose beim Sitzen unangenehm schmerzt.
Ich bin heilfroh, noch die Kontrolle in Fougeres zu erreichen. Hier verabschiede ich mich von den netten Dänen und wünsche ihnen alles Gute.
Wie ich später erfahren sollte, haben sie es tatsächlich in knapp unter 60 Stunden geschafft.
Ohne Ersatzhose wäre ich jetzt aufgeschmissen, aber gottlob habe ich eine zweite Hose hinten in der Trikottasche. Die alte Hose ist so durchlöchert, dass ich sie wegschmeiße.
Für zwei Euro gönne ich mir eine heiße Dusche und ein frisches Handtuch. Frisch eingecremt und mit neuer Kleidung mache ich erst mal ein Päuschen- jetzt wo der Zeitdruck weg ist, lasse ich es langsam angehen und fühle ich mich befreit. Was soll´s – eine Zeit in den Fünfzigern ist für einen Hobbyfahrer wie mich, dazu ohne Begleitfahrzeug, eben doch nicht machbar,
Paris-Brest fährt man mit dem Kopf, denn gute Beine haben alle, die dort teilnehmen. Wenn man sich aber zu sehr unter Druck setzt, verkrampft man. In Fougeres wird mir das bewusst. Ich bin jetzt 44 Stunden auf dem Rad, habe 900 Kilometer zurückgelegt, und bin, nachdem das Hosenproblem gelöst ist, in erstaunlich guter körperlicher Verfassung, habe keine dicken Beine und weder an Händen noch an den Füßen Druckstellen (davor hatte ich ziemlichen Bammel).

Jetzt bis Villaines (1002 km )fahren und dann mal schauen , wie ich durch die letzte Nacht komme.
Und bei all dem Nachdenken und der Zufriedenheit vergesse ich das wichtigste – ESSEN – ausgerechnet ich, einer der größten Fresssäcke unter den Radfahrern. Sonst habe ich mir in Frankreich oft schon nach 80 km ein Vier-Gänge-Menu gegönnt, aber Fehler sind da, um sie zu machen.

Womit wir wieder bei der oben geschilderten Szene am Strassenrand wären.

Nachdem ich im Restaurant in Villaines mit meinen Bestellungen drei Küchenhilfen gleichzeitig auf Trab gehalten habe, zeigt sich was ein Berg Spagetti mit Würstchen, Brot, Pudding, Salat und Kuchen bewirken kann.
2000 Kalorien innerhalb von wenigen Minuten können einen Menschen verwandeln. Aus dem Mutlosen wird ein Aktivist, aus dem Zögernden ein Draufgänger.
Nachdem Andreas mir sagt, er wolle sich hier hinlegen, fahre ich alleine in die Nacht hinaus. Als ich in der Ferne zwei Rücklichter sehe, gebe ich Gas und fahre zu den beiden Franzosen auf.
Es ist kalt, es ist einsam und die Kilometer, die auf dem Hinweg nur so vorbeigeflogen sind, müssen jetzt Tritt für Tritt schwer erarbeitet werden.
Bei den Hügeln ständig die gleiche Handbewegung, die ich während der Nacht noch hundertemal wiederholen sollte. Die rechte Hand, die vergebens den Bremshebel nach links drücken will. Klappt nicht, ich fahre schon die ganze Zeit auf dem 25er.
Langsam begreife ich, was Paris-Brest so schwer macht. Die ersten 900 Kilometer waren ein Heidenspaß, jetzt droht es in harte Maloche auszuarten.
Etwa eine Stunde vor Mortagne (1083 km) überholt uns eine große Gruppe. Vorneweg Andreas, der sich eigentlich in Villaines hinlegen wollte. Endlich mal wieder ein deutscher Kollege, aber viel geredet wird jetzt ohnehin nicht mehr.
Der andere positive Effekt- je größer die Gruppe, desto wohler fühlt man sich nachts. Es ist auch sicherer, weil 15 Lampen eine kurvige Abfahrt gut ausleuchten können. Und Auf- und Abfahrten gibt es jetzt anscheinend mehr als auf dem Hinweg.
Die letzten zwei Kilometer bis zur vorletzten Kontrolle werden wir sogar von der Polizei eskortiert.
Es ist halb zwei Uhr früh, Donnerstag, der 21. August – heute ist mein Geburtstag, doch zum Feiern ist hier nicht der richtige Ort.
Denn in der Kontrollhalle von Mortagne ist es noch kälter als draußen, irgendein Wahnsinniger hat die Klimaanlage auf knapp über Null gestellt.
Ich gönne mir einen Kaffee, den ersten der ganzen Tour, und mache, das ich wegkomme.
Nun sind Kleingruppen angesagt, wer Lichter hinter sich sieht, drosselt das Tempo. Menschliche Nähe ist ein Garant für Sicherheit in dieser dritten Nacht.
Im Vergleich zur Gesamtdistanz nehmen sich die letzten 141 km ab Mortagne zwar lächerlich aus, aber in unserem Zustand müssen die erst einmal gefahren sein. Mal schnell eben nach Paris- das geht einfach nicht.
Trotzdem gibt es noch Leute, die noch über genug Energie verfügen, um sich an den zahlreichen Anstiegen Sprintduelle zu liefern.

Zwei Irre, die am Berg antreten wie die Berserker, zahlen aber ihren Preis. Nach einer schnellen Abfahrt übersehen sie einen Pfeil nach links und rasen geradeaus weiter. Wir brüllen hinterher, aber sie sind schon zu weit weg. Freunde von ihnen warten am Abzweig darauf, daß sie den Irrtum bemerken und umkehren.
Jetzt sind wir nur noch zu dritt- Pierre und Jerome aus Mayenne , mit den beiden werde ich später gemeinsam in Paris ankommen.
Wir sind jetzt sehr vorsichtig und schauen bei jedem Abzweig, in jedem Dorf ganz genau nach den Pfeilen. Die Zuschauer der ersten Nacht auf dem Hinweg, die uns an jeder Ecke den Weg gewiesen haben, sind längst im Bett.
Das konzentrierte Nachsehen erweist sich aber als gute Übung zum Wachbleiben. Dennoch hoffe ich inständig, dass es bald hell wird. Im Wald von Chateauneuf wird mein Wunsch erhört und es beginnt zu dämmern.
Wir begrüßen den neuen, den letzten Tag mit einem imposanten Dreier-Mannschaftszeitfahren auf den letzten 15 Kilometern vor Nogent.
Ich staune darüber, dass ich es schaffe auf einem der wenigen Flachstücke mit 44 km/h dahinzubrausen. Das Fleisch scheint willig zu sein, nur wird es immer schwieriger, den Kopf davon zu überzeugen, dass es doch noch weitergeht.
Es ist hart, aber die Grenze zur Quälerei ist – anders als z.B. beim 600er Brevet – noch nicht überschritten.
Trotzdem- im Nachhinein waren die 83 Kilometer von Mortagne nach Nogent (1157 km) sicherlich die Anstrengendsten überhaupt. Natürlich auch, weil die Zeit zwischen vier und sechs Uhr früh wegen unseres Bio-Rhythmus grundsätzlich nicht zum Radfahren taugt.

Die Elenden von Nogent Le Roi

Für den Westen Frankreichs ist Paris-Brest-Paris ein Fest, bretonische Dörfer sind nachts mit beleuchteten Fahrrädern illuminiert, ähnlich unseren Weihnachtsbäumen im Dezember. An der Strecke stehen Tausende, die nicht nur applaudieren und den rechten Weg weisen, sondern den Fahrern auch Wasser und Kaffee reichen, selbstgebackenen Kuchen verteilen und immer wieder mit „Bon Courage“ oder „Bon Route“ die Zaghaften und Erschöpften aufrichten.
Es ist überall so – nur nicht in Nogent Le Roi. Donnerstag früh um 6.00 Uhr herrscht hier Tristesse pur. Kein Mensch in den Strassen, der Ort wie ausgestorben, vor der Kontrollhalle zwei Dutzend Rennräder, die in den überdimensionierten Fahrradständern verloren wirken.

Was von außen schon gespenstisch wirkt, erweist sich beim Blick in die Kontrollhalle von Nogent als wahrer Abgrund.
Als Fernsehjournalist habe ich einiges an menschlicher Dramen erlebt, aber falls ich mal einen Film über Elend drehen muß, weiß ich genau , wo ich meine Kamera aufstellen werde.
Die Gestalten, die hier herumlungern, sehen aus, als wären sie Delegierte der
Jahreshauptversammlung des nordfranzösischen Zombie-Verbandes.
Eingefallene Gesichter, unrasiert, mit leidendem Blick aus Augen, die kaum noch offen zu halten sind, tunken sie apathisch ihr Croissant in den Frühstückskaffee.
Wo bin ich ? Was mach ich hier? Und vor allem- wie komme ich hier schnell wieder weg?
Als ich in den Rot-Kreuz-Raum gehe, um mir meine Blasen an den Händen verbinden zu lassen, schaue ich kurz in den Spiegel und stelle fest: noch ein Zombie, zumindest äußerlich.
1157 Kilometer nach dem Start lässt sich nichts mehr vertuschen. Drei Nächte und zwei Tage im Sattel fordern ihren gnadenlosen Tribut.
Langsam begreife ich den Mythos PBP und warum das legendenumrankte Rennen nur alle vier Jahre stattfindet.
Übrigens- der Wahnsinnige, der mit 40 Sachen hinter Tinteniac an mir vorbei gerast ist, schläft hier mit dem Kopf auf dem Tisch.
Nach der Hektik an allen vorherigen Kontrollstellen hat die gespenstische Ruhe von Nogent dennoch etwas wohltuendes.
Aber es nützt alles nichts, noch ein stärkender Milchkaffee, eine Cola für die Trinkflasche und die allerletzte Etappe beginnt. Schlappe 57 km, knapp drei Stunden sind es noch bis Paris, unter normalen Umständen eine kleine Trainingsrunde, aber die Normalität hat hier keinen Platz mehr.

Als wir zur letzten Etappe aufbrechen, hat sich uns ein Japaner angeschlossen und eine Weile scheint es, als würden zwei Normannen, ein Japaner und ein Dortmunder Junge gemeinsam nach Paris rollen. Bis plötzlich bei einem Anstieg im Wald von Rambouillet in dem Japaner der Samurai durchbricht. Er lässt uns einfach stehen und rast davon. Eine Stunde später haben wir ihn wieder eingesammelt und jetzt ist er es, der völlig entkräftet, uns nicht mehr folgen kann.
Was mich wundert, sind meine Beine, noch immer bekomme ich einen einigermaßen runden Tritt hin. Von Krämpfen ist nichts zu spüren, ja ich ertappe mich sogar dabei, daß ich immer häufiger aufs große Kettenblatt wechsele. Es könnte immer so weiter gehen. Gleich in Paris ein Steak und einen „Salade Nicoise“ und ich würde mich glatt wieder auf den Weg nach Brest machen.

Meine beiden französischen Kameraden dagegen leiden, Jerome hat ein dickes Knie und Pierre ist eine Speiche im Hinterrad gebrochen. Sein Rad eiert. Aber irgendwie schaffen wir es doch noch- obwohl die letzten 15 Kilometer ätzend sind. Nach 1200 Kilometern durch die wunderschönen Landschaften des bäuerlichen Frankreichs sind die Retortensiedlungen am Rande von Paris kein schöner Anblick. Nicht nur der Berufsverkehr in der hässlichen Trabantenstadt stört mich, noch mehr nervt mich ein französischer Oberlehrer, der es irgendwie schafft, dass wir bei jeder roten Ampel stoppen. Zu Hause würde ich mir das nicht bieten lassen, aber jetzt möchte ich mit Pierre und Jerome zusammen ins Ziel kommen, und deshalb halte ich alle 350 Meter an einer Ampel an.
Alles in allem nur ein unbedeutender Nebenaspekt, denn
Minuten später passieren wir den letzen Kreisverkehr, biegen ein ins Gymnasium von Guyancourt und schieben die Karten ein allerletztes Mal ins Kontrollgerät. Es ist Donnerstag morgen 9.45 Uhr. Als die nette Madame mir sagt, ich sei an Position 241, kann ich es kaum glauben,
Paris-Brest-Paris in 61:30 Stunden, davon hätte ich vorher nicht einmal zu träumen gewagt.
Stolz wie Oscar lade ich meine beiden Mitstreiter zum Wein ein, denn so einen Geburtstag habe ich noch nie erlebt. Als die Familien von Pierre und Jerome dazustoßen, entwickelt sich sogar eine spontane kleine Feier. Schade nur, das die drei Hauptpersonen nach einem Glas Rosé auf den Gartenstühlen in der Sonne immer wieder kurz einnicken. Nach dem Abschied von meinen französischen Freunden, nicht ohne das Versprechen sich in vier Jahren wieder hier zu treffen, radelte ich die zwei Kilometer ins Hotel und schlief acht Stunden wie ein Fürst.
Auch jetzt, einen Monat nach PBP, schweifen meine Gedanken immer wieder zurück zu jenen magischen Momenten. Die Brücke von Brest in der Abenddämmerung, der klare Sternenhimmel oben auf dem Roc Trezevel oder die kleinen Jungs, die mir in voller Fahrt eine Wasserflasche reichten. Wer Paris -Brest- Paris absolviert hat, ist für die Franzosen ein „Ancien“, einer der ohne fremde Hilfe 1.225 Kilometer zurückgelegt hat, der 10.000 Höhenmeter und einsame Nächte überwunden hat, der mit wenig Schlaf und schmerzenden Beinen den Mythos „Paris-Brest“ gelebt hat.
Jetzt bin ich ein kleiner Teil dieses Mythos- und das Beste ist –in drei Jahren und elf Monaten habe ich die Ehre wieder dabei sein.

P.S. Tipps für 2007 – jede Menge Flüssig- Gel einstecken und einen Französisch- intensiv- Kurs belegen

 

 

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